Sara Hanfler

Meine Nachbarin

Sie stapft und stampft und trampelt. Sie kreischt und stöhnt und lacht.

Sie ist ein Erdbeben, das an ihrer Zimmerdecke, die mein Fußboden ist, rüttelt und mich aus dem Bett schmeißt.

Sie verschiebt Möbel und patrolliert nachts ihre Wohnung; wie ein Zirkustier im Käfig ist sie immer wachsam, immer angespannt, immer auf einen Moment pochend, in dem die Aussicht auf Flucht besteht.

Tagsüber findet sie augenscheinlich Ruhe. Doch diese ist trügerisch; von der Sorte, wie sie vor einem Sturm einkehrt, wenn die Landschaft den Atem anhält. Denn zwar schweigen die weiß-roten Porzellanbären, die sich in verschiedenen Posen auf ihrem Fenstersims räkeln. Dennoch hat man, wenn man im Treppenhaus an ihrer Tür vorbeigeht, immer das Brennen eines misstrauischen Auges durch den Spion im Nacken.

Sie ist ein wildes Tier in einer Holzkiste.

Sie nagt und kratzt an den erstickend engen Wänden ihres Gefängnisses. Und sie schreit.

Anfangs schrie sie ihren Mann an; mittlerweile schreit sie nur noch der Leere in ihrer Wohnung entgegen.

Wenn man an ihrer Tür klingelt und sie bittet, ein wenig leiser zu wüten, sagt sie einem, man solle doch die Polizei rufen, wenn’s einen störe. Es sei ihr egal.

Das Schreien ist ein Ritual. Ein letzter Akt des Aufbegehrens gegen den sich vor ihr aufbäumenden Koloss aus Zeit und Langeweile.

Das Schreien frisst sich wie glühend heißes Metall durch das teigige, leblose Fleisch ihres Alltags.

Sie schreit von zwölf Uhr nachts bis fünf Uhr morgens. Dann geht sie schlafen.

Und dann beginnt’s von vorn.

Bernadette Schlaffner

Nachbarschaftswache

18. Mai 2016 | Hamburg

Als ich gerade meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe, die Augen vom Monitor abwenden und aus dem Fenster in die Ferne starren, bemerke ich eine Gruppe von vier zehn- bis zwölfjährigen Jungs unten an den Müllcontainern. Sie lachen, lassen einen Fußball zwischen den Containern hin und her springen. Glas. Hausmüll. Papier. Wertstoff. Bioabfall. Einer von den Jungs leert einen Karton in den Glascontainer.

Ich frage mich gerade, wieso das scheppernde Geräusch ausbleibt, Glas ist nicht gleich Glas, Fensterglas ist Restmüll, als sich die Jungs plötzlich erschrocken zum Haus wenden. Zur Tür nebenan. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Nachbarin, die Arme in die Hüften gestemmt, einen ernsten Blick im Gesicht. Glas ist nicht gleich Glas. Aber es scheppert. Das Recycling von Altglas spart sechzig Prozent an Energie gegenüber der Neuproduktion aus Primärrohstoffen. So sehr ich mich auch verbiege und aus dem Fenster um die Ecke zu linsen versuche, ich sehe die Nachbarin nicht. Seltsamerweise höre ich sie auch nicht. Doch ich spüre ihre Anwesenheit. Die Blicke der Jungs. Der Knabe am Glascontainer lässt verwirrt den Karton los, in das schwarze Loch fallen. Auch diesmal kein Scheppern.

„Nein!“, ruft einer seiner Kumpels, so interpretiere ich zumindest seinen Gesichtsausdruck. Der Junge hüpft zu seinem Kompagnon und reißt ihm den zweiten, leeren, Karton aus der Hand. Der Junge mit dem Fußball steigt auf das Treppengeländer, schaut in den Schlund des Containers, ratlos, hilflos, überlegt kurz hineinzugreifen, hineinzuklettern. Das Recycling von Altpapier spart ein Drittel an Energie gegenüber einer Neuproduktion. Währenddessen landet der zweite Karton nebenan im Hausmüll. Im selben Moment begreifen sie den Fehler. Das Recycling von einer Tonne Altpapier spart eineinhalb Tonnen Kohlenstoffmonoxid gegenüber dem Verbrennen im Restmüll.

Erschrocken wandern die Blicke der Jungs wieder zur Nachbarin, die dort in der Haustür stehen muss, ich kann es mir anders nicht erklären. Nervös schaut der eine, anscheinend der Anführer, durch die Runde und marschiert dann los. Schnell weg. Nicht umdrehen. Intensiver Blickkontakt führt zum Anstieg des Oxytocin-Spiegels. Anstarren ist tödlich.

Eine im Rahmen des Schreiblabors zum Thema Recherche überarbeitete Version einer Bahnvorstellung.

 

Lili

Klara

Deine Hand unterm Kinn, zerdrückt die breiten Lippen wie ein welkes  Herbstblatt, so sitzt du dort, nur zwei Finger breit weit von mir entfernt. Deine Haare stürzen wie ein reißender Fluss aus federfeinen Strömungs-Schlieren in allen Nuancen von Karamell in die blaue Winternachtstiefe deines Pullovers. Eine Kette schimmert, vergoldetes Spinnenwebengeflecht in abendlicher Herbstsonne zwischen den Wellen hervor, um eine kleine, und Schneeflocken feine Taschenuhr fest zu halten, ein juwelener  Schmetterling, gegen den klobigen Block, hölzern rohen, Taschenrechner in deiner Hand. Die spitzzarten Zeiger, wie glühende Triebspitzen, ruhen klein undein Bischen verloren auf dem exakt mathematisch runden Ziffernblatt,  in ewigem Lächeln erfroren. Trotzdem ist dort, irgendwo, weit entfernt und so gerade noch wahrnehmbar, hinter dem sanft seidenen Geräusch deines Atems, ein leises Maschienenzucken, Tautropfen, die langsam in eine Pfütze fallen. In ihren tausendfachen Regenbogen Spiegelungen, dem fein gesprenkelten Bilderregen gefangen, sitzt eine steinerne Gestalt, zerbrechlich wie Glas, mit stummen Augen, zu Boden gerichtet, löst sich langsam, verzerrt sich zur unmenschlichen Fratze und birst schließlich in den Tropfenmengen auf dem Asphalt. immer wieder. Starr harrst du darüber, ein jagender Reiher, bewegungslos auf die Zukunft. Ein Hauch von Stolz bepudert die Regentagswolken, Schöpfungen deines ewig kreisenden Bleistiftes in dir, der in teils Schwan geschwungenen, aber eben so selbst verständlich in sich gekehrten, monotonen Bewegungen,einen dünnen Gedankenfaden auf dem dafür viel zu genau weiß grau, blau kariertem Papier hinterlässt. Vielleicht denkst du gerade, an all die vorbestimmten Aufgaben, die deine Tage bis morgen hin stehlen, oder an die Runen aus kirschroten Lehrerstiften, die deine restliche Zeit zu schlaflosen Nächten verpackt davon tragen. Jeder Tag ist wie ein Trickfilm mit Bildstörung, in deinen Augen. Eine Schallplatte mit Sprung. Gedanken kommen und gehen. Sie sind wie Blätter, denkst du, lebenswichtig, aber ständig neu, ein konstanter Rhytmus. Du schaust aus dem nass aschgrau gerahmten Fenster, auf die winterleere Welt und ein leises Lächeln kräuselt deine Lippen. Der Frühling wird wiederkommen. Die Zweigbäume und die Taschenuhr wissen es, du auch.

Janne

Zwei Nachbarn: KlingelnRauschenEinkaufswagenBankKnopf

Ich fühlte mich unglaublich lustlos und deprimiert, als ich am Freitagmorgen die Treppe runter schlurfte. Vielleicht lag es am Wetter. Draußen war es grau und trübe und das Rauschen des Regens hörte sich verdächtig nach einer zweiten Sinnflut an. Vielleicht lag es aber auch an meiner Nachbarin, die es fertiggebracht hatte, mich um sechs Uhr morgens aus dem Bett zu klingeln. Mürrisch öffnete ich die Tür. Da stand die alte Schreckschraube unter einem grauenhaft gemusterten Schirm, lächelte säuerlich und wirkte gemeinerweise putzmunter und ausgeschlafen. Vor ihr stand ein Einkaufswagen, auf den sie anklagend deutete.
„Den haben Sie in meinem Garten vergessen.“
Ich starrte sie an, dann den Wagen. Mein schlaftrunkenes Hirn konnte mit dieser absurden Situation nichts anfangen. Ein schlechter Scherz? Nein, das passte nicht zu ihr. Sie war Sekretärin in einer Bank und eine dieser streng dreinblickenden Frauen, die ihre Bluse immer bis zum letzten Knopf schlossen und herumliefen, als hätten sie einen Besen verschluckt. Eine Verwechslung? Oder war sie einfach nur zu faul, den Wagen selbst zurück in den Supermarkt zu bringen? Zuzutrauen wäre es ihr ja.
„Nun?“, fragte sie ungeduldig. Erwartete sie jetzt etwa auch noch, dass ich mich für das „Zurückbringen“ bedankte?
„Das muss ein Missverständnis sein. Warum sollte ich einen Einkaufswagen in ihren Garten stellen?“
„Was weiß ich, was in Ihrem kindlichen Gehirn vor sich geht. Ich fand Sie ja schon immer reichlich unreif, aber nun sind sie endgültig zu weit gegangen.“ Ihre Stimme wurde schrill und überschlug sich beinahe. „Sie haben Charles ermordet!“
Das wurde ja immer besser. Ich war mir inzwischen ziemlich sicher, dass das hier doch nur ein Albtraum war. Ich hatte noch nie von einem Charles gehört. Ihr Ehemann? Dann war es wohl eher Selbstmord gewesen.
„Hören Sie mal, ich weiß echt nicht wovon Sie reden. Wollen Sie nicht später noch mal wiederkommen? Dann bin ich garantiert wacher.“
Unter ihrem Blick schrumpfte ich mehrere Zentimeter. „Aber natürlich können wir das auch jetzt klären,“ beeilte ich mich zu sagen und unterdrückte ein Gähnen.
„Sie werden mir Charles ersetzen!“ Ach du meine Güte. Sollte ich ihr etwa einen neuen Mann heranschaffen? Ein absolut hoffnungsloses Unterfangen, selbst wenn ich einen fand, der blind und taub war. Aber vielleicht war Charles ja auch nur ihr Kater oder Pudel. Hoffte ich zumindest.
„Er war mein treuester Gartenzwerg. Ein Geschenk meiner Schwester, aus feinstem Porzellan. Und Ihr Wagen hat ihn in einen Haufen Scherben verwandelt!“
„Oh, das tut mir leid. Aber ich sagte doch bereits, dass das nicht mein Wagen ist. Und ihren Zwerg kann man bestimmt wieder zusammenkleben oder so.“
„Zusammenkleben!“ Ihre Stimme bebte vor Entrüstung. „Er wird natürlich ordnungsgemäß beerdigt. Und Sie bezahlen mir einen neuen Gartenzwerg, schließlich haben sie ihn auf dem Gewissen.“
„Wie oft soll ich Ihnen denn noch erklären, dass…“
„He, Miriam!“, wurde mein erneuter Verteidigungsversuch unterbrochen.
Eine weitere Nachbarin kam meinen Gartenweg entlang gewatet. Der Drache vor meiner Tür drehte sich irritiert nach ihr um.
„Da bist du ja. Ich wollte dir den hier noch vorbeibringen.“ Die Frau war unter dem Vordach angekommen, schüttelte sich den Regen aus den Haaren und hielt dem gestrengen Fräulein Rottenmeier einen Gartenzwerg hin. „Ich habe dir gleich einen neuen gekauft, nachdem mir gestern dieser Unfall passiert ist. Ah, da ist ja auch der Wagen.“ Sie schnappte sich den Einkaufswagen und lächelte mir zu. „Im Supermarkt werden sie sich sicher schon wundern, wo der abgeblieben ist.“ Dann war sie wieder im Regen verschwunden.
Die Gartenzwergliebhaberin stand weiterhin verdutzt auf meiner Fußmatte, scheinbar sprachlos. Entschuldigung gehörte wahrscheinlich sowieso nicht zu ihrem Wortschatz. Deshalb machte ich ihr einfach die Tür vor der Nase zu. Beim nächsten Mal würde ich sie ganz sicher gar nicht erst aufmachen.

Janine Groemmer

Paradies

Man nannte sie die Lady, die selbst die Lachenden zum Weinen bringen konnte. Obwohl sie überall im Lande bekannt war und jeder hoffte, ihr einmal über den Weg zu laufen, sei es nun aus Geldgier oder aus Hoffnung auf ein kurzes Lächeln durch ihr Mitwirken, wusste niemand, wie sie aussah. Zudem sah man sie nie länger als drei Tage an einem Ort.
Es gab Gerüchte, dass sie umsonst alles für einen bauen, reparieren und basteln konnte, solange man ihr nur Zeit gab.
Und solange sie es auch wollte.
Doch wenn sie sich partout weigerte, dann halfen selbst immense Bestechungsgelder nichts.
Wenn man sie traf und die Lady Gefallen an einem gefunden hatte, lebte man wie im Paradies:
Sie konnte einem die prachtvollsten Kleider oder Anzüge schneidern, sie konnte alles im Hause reparieren und neu streichen, sie konnte sogar die schönsten Kutschen besorgen, sie konnte alles was man wollte.
Aber nur für drei Tage, denn dann verschwand sie urplötzlich und ohne jede Spur.
Die meisten, die der wundersamen, geheimnisvollen Lady begegnet waren, so sagt man, lernten, sorgsam mit ihrem neuen Vermögen umzugehen und führten ein besseres, angenehmeres Leben.

Sie schien eine Art wundervolle, mysteriöse und kostenfreie Droge für ihre Umwelt zu sein, wenn es so etwas zu dieser Zeit denn schon gegeben hatte.

Doch auch eine solch wundervolle, starke Droge hatte ihre Nebenwirkungen:

Es soll Menschen gegeben haben, die bei ihrem plötzlichen Verschwinden wahnsinnig geworden werden sollen, wegen des viel zu schnell ausgegebenen Vermögens und letztendlich Selbstmord begangen haben.
Und es soll ebenso Menschen gegeben haben, die sich, selbst nach ihrem Verschwinden, in einer märchenhaften Illusion der Welt befunden haben sollen, sodass sie glaubten, dass alle Menschen einander mögen würden und das niemand unzufrieden sei. Diese Menschen endeten meistens erstochen in einer schmutzigen Gasse, zu naiv, um zu begreifen, dass ihnen jemand etwas Böses wollte.
Außerdem gab es drei Harken an den Bedingungen der Lady:

Erstens, durfte man sie nicht bei ihrer Arbeit beobachten, wenn man es überhaupt schaffte, sie zu verfolgen.

Zweitens durfte man die Lady, egal, ob sie sich nun als alte Greisin oder als junges Mädchen in der Öffentlichkeit behauptete, niemals für ihre Dienste bezahlen oder sie für Geld um etwas bitten.

Und drittes durfte man sie nie, nie zum Weinen bringen.
Denn blutrot ist schließlich nicht die Farbe des Paradieses, oder?

Aber das sind ja alles nur Gerüchte.

Lili

127 Bilder

127 Bilder
in einem leer geräumten Zimmer
ein Zimmer,
eigentlich mein Zimmer,
alles wirkt so fremd ohne die Möbel,
und eine dunkel tannengrüne, auf geschlagene,
Papmappe mit gestreiftem Gummi und edel abgerundeten Ecken,
liegt ungeduldig wartend zu meinen Füßen,
bereit die Bilder zu verstecken, in ihre grüne Dunkelheit zu sperren,
für immer

Das Erste fällt in einer feinen Staubwolke,
wie lange hing es dort schon?
Ich, zahnlückig zehn lächele mich an,
die Erinnerung an die Menschenkette gegen Atomkraft,
Freunde, Verwandte, Nachbarschaft,
steigt in mir auf,
wogender Ozean,
wie ich danach stolz,
das Foto auf hing,
tausend mal betrachtet,
nun für immer in der Papmappe erstickt.

Ich schaue aus dem kleinen, mit goldenen Sternchen beklebten Fenster auf die Straße.
die Nacht scheint unwirklich gegen das gelbe Licht im Zimmer.
Mein Gesicht spiegelt sich in der Scheibe,
ich versuche ein Lächeln,
es wirkt müde und unsicher.

93 Bilder
in einem leer geräumten Zimmer,
Die Wände sind so kalt und leer,
ich mit elf und meiner neuen Stafelei,
draußen in grellem Grün
die kleinen Katzen,
schon längst erwachsen,
mit Klatschmohn und Kornblumen,
fasziniert von Pflanzen,
die Sonne schien so hell
und überall Leben,
was bleibt ist der weiße Abdruck an der Wand

ich öffne die Fensterläden, und lehne mich hinaus
die sanfte Briese,
kräuselt mein Haar,
feine Regentropfen sprenkeln mein Gesicht
entfernte Stimmen,
ein Auto,
Scheinwerfer bringen den nassen Asphalt zum Glitzern,
tausend Diamanten

47 Bilder
in einem leer geräumten Zimmer
alles wirkt hier so verlassen,
fast gespenstisch,
Die kitschige Eule auf schwarzem Karton
„alles hat seinen Platz“ steht dort,
ich, umnebelt von mystischen,
dunkelsammtenen Fantasywelten
aus dicken Romanen,
alles war,
entweder gut oder böse
der Papiergeruch hängt noch in der staubigen Luft,
doch er fängt an zu verfliegen.

Starke Windböen bringen das Laub der alten Eiche zum rascheln,
im fahlen Licht der Straßenlaternen
flammen für wenige Sekunden Gesichter auf,
matt, aschgrau,
voll ehrlicher Menschlichkeit
Im Schutz der Nacht
ausgelebt,
was Tags verborgen blieb,
kleine Fenster in eine andere Welt,
In der Dunkelheit.

18 Bilder
in einem leer geräumten Zimmer
wir, 13 in Sommerkleidern,
beim Schulfest,
grinsen in die Polaroidkamera,
ein wenig überbelichtet,
unser Joghurtverkauf,
lustig wie chaotisch,

der kalte Regen trommelt gegen das Fenster
lässt nicht an Sommer denken.
das sanfte Surren einer Fahrradkette,
zerreißt die andächtige Stille,
Ein Mann, nicht alt, fährt schnell,
ein Schluchzen, tränennasses Gesicht,
sieht mich nicht, schon vorbei.
Frage mich, was er denkt,
meine Gedanken liegen in der Papmappe

1Bild
in einem leer geräumten Zimmer,
wie ich mit vierzehn,
in einem Anfall von Veränderungsbedarf
Zeitschriften zerschnitt,
Das Letzte Überbleibsel der Ecke für skurile Dinge,
erst empört, dann nur noch gelacht,
ein Tourist fotografiert ein Strahlenmessgerät
neben einer Reaktorruine,
eine Träne fällt auf das Foto, verzerrt sein Gesicht,
Diese Bilder sind 4 Jahre meines Lebens,
alles lachen und weinen,
noch mal durchlebt
schließlich endgültig hinter mir gelassen,
was bleibt ist die geschlossene dunkel tannengrüne,
Papmappe mit gestreiftem Gummi und edel abgerundeten Ecken.

Ich nehme sie,
muss weiter,
bin so jung,
voller Energie
knalle die Tür hinter mir zu,
um die Welt endlich mit eigenen Augen zu sehen, zu leben
endlich ich selbst zu sein,
ich gehe nach Draußen,
der Regen hat aufgehört,
die ersten Strahlen der Morgensonne wärmen mein Gesicht,
ich möchte laut anfangen zu singen, zu lachen am Besten Beides gleichzeitig,
denn diese Freiheit ist neu, aber sie fühlt sich verdammt gut an
und mit jedem Schritt, den ich weiter durch die Straßen gehe,
spüre ich mehr,
hier,
genau hier,
fängt etwas neues an.

Katrin Weiland

„fuck (y)our ego“

Heute habe ich meine Magenschleimhaut das Klo heruntergespült. In den Weiten der Selbstzerstörung ist das Zeitgefühl irgendwo auf der Strecke geblieben und der Restalkohol verbietet es mir, zurückzulaufen um es vielleicht wieder zu finden. Genauer gesagt hat er sich auch meiner Erinnerung ermächtigt, die nun bruchstückhaft durch die Nebel meines Kopfes wabert. In den Gehirnnebelungen lungert sie so rum zwischen ein paar Wortfetzen euphorischer Gespräche und Liedpassagen. Alkohol, du kleiner Schizo, viel zu gut, viel zu übel, übel und gefährlich. Fuck me now and love me later, steht auf den Plakaten. Eins haben sie falsch aufgeklebt: fuck me now and fuck me later.
Vier Tiefkühlpizzen und ich warten an der Kasse und es fällt uns schwer, die Contenance zu bewahren. Wir sehen gerade nicht besonders gut aus und können das zitternderweise nicht besonders gut verstecken. Wir fragen uns, was all die Menschen hier eigentlich machen. Sie kaufen alles to go. Coffee to go, Müsli to go, Kaugummi to go. Alle gehen zielstrebig irgendwohin. Festlich mutet das an – und doch sind die kaffeegetränkten Wege dann eher unspektakulär. Und die gelangweilten Mensch führen Monologe, die sie dir als Gespräch vor den Latz knallen, um sich dann in ihrer eigenen Berechtigung zu suhlen. Und alles was gegen das Eigene spricht, wird lautstark übertönt vom inneren Tonband der eigenen Gutheit, das nicht aufhört zu laufen, bis man aufhört zu atmen.

„Ich bleibe auch in Zeiten der Krise Abteilungsleiter der Liebe“, hat mal wer gerappt.
Manche halten Gesellschaftskritik ja für abgedroschen. Aber wenn ich mir das alles hier so angucke, mich und die Pizzen und die optimalst optimierten Menschen, dann krieg ich schon Lust auf kritische Gesellschaft und gesellschaftliche Kritik. Aber das hats auch alles schon gegeben und so richtig neu wäre das wohl nicht. Ist auch irgendwie immer weiter gegangen und den meisten wars herzlich egal.
„Zwölf neunundzwanzig, bitte!“ sagt die Kassiererin. Ich zahle und mache mich auf die Suche nach dem Eimer, in dem ich bin. Ich oder die Welt, je nachdem.