Linda Schyma

Fragment: Die Verkennung

Liebe Welt,

ich sitze an einem Baum und höre das Schnattern der Vögel über mir; aber sie sind es nicht, die mich interessieren, auch nicht das leichte Rauschen des Windes, auch nicht die Verspannung in meiner Schulter oder das Armband an meinem Handgelenk, das sich langsam löst, einst sorgsam von einem Freund geknotet.

Ich lehne und achte auf das Tier, das hinter mir sitzt, auf einer geraden Linie, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen kann; im Rücken spüre ich die Konturen des Seils, das es an den Baum kettet, hier hält, auf dass es sprechen möge.

Dies ist eine Wiedergabe seiner Geschichte; ich bin nicht befugt, sie zu verfälschen oder aber durch unaufmerksames Zuhören zu verzerren; also atme ich ein, versuche, mich trotz Verspannung gerade und aufrecht zu setzen und beginne, zu lauschen.

„Gestern habe ich zwei Kaninchen getötet. Ich saß so da und habe ihren Kadavern beim Tropfen zugesehen; das Blut ist langsam und gleichmäßig geflossen, von der Leine, an die man sie sorgsam aufgeknöpft hatte und die schon von Fliegen umschwirrt war, ein Zeugnis der Grausamkeit, die an diesen Ort Einzug hält, ja ihn schon lange unterwandert, in den Ritzen der Mauern steckt, im Knarren der Käfigtüren zu erahnen ist.

Ich habe diese Grausamkeit gekannt, aber hier will ich meine Schilderung der Ereignisse nicht beginnen; ich möchte bei den Körpern bleiben, den warmen, den Eingeweiden, die aus den weichen Bäuchen ragen und der Mattheit der Knopfaugen, mich anblickend wie um mich zu erinnern, was ich getan – was ich tun musste –

Diese Tiere, die jetzt wehleidig und verfilzt von der Schnur hängen, haben nichts mehr gemein mit dem Aussehen, das man ihnen gängigerweise zuschreibt: Dem unschuldigen, plüschigen, anschmiegsamen. Ich aber kann bezeugen, dass sie alles andere als harmlos sind.

Sie, mit ihren schnurrhaarwackelnden Schnauzen, haben meine Luft verbraucht (sie ist jetzt abgestanden und das Fenster beschlagen), sie auch der Pflanze in der Ecke weggeatmet, die jetzt traurig ihre Blätter nach letzten, von draußen hereinsickernden Sonnenresten streckt, und auch der Kerze auf dem Podest in der Ecke, deren kurzer Docht kläglich in seinem Wachsmeer glimmt.“

Die Rede des Tieres ist undeutlich geworden, die Buchstaben irgendwie verdreht; ist es mein Gehör, das streikt oder sind es die Worte; ist das Tier betrunken, verzweifelt in seiner Gefangenschaft; ich möchte mir nicht anmaßen, seine nächsten Sätze entwirren zu können, also lasse ich hier in meinen Aufzeichnungen eine Leerstelle. _____

Nun wird es wieder lauter und ich spüre die Wärme, die Aufregung, die von seinem großen Körper ausgeht; es überragt mich um ein paar Zentimeter; ich weiß es, weil seine Hörner zu beiden Seiten über meinen Kopf reichen; sie sind nach hinten gebogen und schmiegen sich um den Stamm; dessen Dicke zwingt es, den Kopf leicht gesenkt zu halten; vielleicht stammt daher seine Unruhe; es ist gefangen, obwohl sein Streben doch etwas anderem galt, der

„Freiheit. Ich wollte nur Freiheit, aber diese Tiere; sie haben mir nicht zugehört; sie haben gesagt, meine Geschichten von Wiesen, von Reigen bunter Blüten und Wolkenteppichen, auf denen wir grasen könnten, sie seien erfunden, und sie haben Karotten gewaltsam in mein Maul geschoben und mich belagert mit ihren flauschigen Leibern,

Und das alles nur, weil ich gesagt habe

Seht nach oben, seht diese Rotorblätter, seht, wie der Ventilator die Luft durchschneidet. Seht diesen Käfig und riecht die Feuchtigkeit dieses Ortes, der alten Mauern, seht das schwache, trübgefilterte Licht. Betrachtet den  Rost an der Falltür, die sich einmal jeden Morgen öffnet und seht die Farbe der Karotten, die nicht orange, sondern verblichen wirken, sobald sie von behandschuhten Händen in unseren Bereich geschoben werden.

Seht ihr nicht, dass die Luft hier stinkt; dass eure Köttel alles verkleben, dass selbst die Farben, Geräusche aufgesogen werden hier, wo ihr wachst und immer aufeinanderspringt; ob auf Partner oder den Pantoffel jener Frau, die euch gefangen hält, es ist euch gleich -„

Die Stimme des Tieres rückt in weite Ferne und ich versuche zu verstehen, was es mir sagt, von Gängegraben spricht es und vom Ausweiten der Möglichkeiten, vom Irrtum, dem die Tiere erlegen seien und wegen dessen sie nun an der Leine hingen, ihr Blut in gleichmäßigem Takt in ein quadratisches Becken tropfend; die Zeugen dieser Straftat habe man nicht befragt, da sich sowohl Kerze als auch Pflanze der Befragung verweigert und an ihren angestammten Plätzen verwurzelt geblieben seien; in die Akte habe man aufgenommen, dass es sich um Totschlag handele, beim Motiv um Wut über eine Verkennung, denn der Täter sei, anders als die Opfer kein

Kaninchen.

Maria Odoevskaya

Warum

Weil eine Sprache mir erst wirklich gehört, wenn ich ihre Sätze so verbiegen kann, dass aus den Leerstellen in ihnen Tunnellabyrinthe entstehen.

Weil ich das Gefühl kenne, wenn einem keine Sprache wirklich gehört, weil Russisch außerhalb der Migrantenunterkunft nichts galt und ich auf Deutsch nicht einmal einen ganzen Satz bilden konnte, geschweige denn ein Leerstellenlabyrinth aus Sätzen.

Weil ich in den kleinsten Rissen irgendeiner fruchtlosen Internetdiskussion meine stumm machende Ehrfurcht verlor und mich traute zu denken: dieser Welt fehlt etwas, wenn ich es nicht sage.

Weil man sich diese Frage, diese unerhörte Frage, Ist es wirklich wert, gesagt zu werden, immer wieder stellen muss, und weil die noch unerhörtere Antwort, Ja, niemals selbstverständlich ist.

Weil dieser Welt etwas fehlt. Wenn ich es nicht sage. Ist das nicht ein erregender, schwindelerregender, wahnsinniger, wahnsinnig machender Gedanke.

Weil dieser Welt etwas fehlt, weil mir so viel fehlen würde, wenn es „4.48 Psychosis“, „Woyzeck“, „Last Exit To Brooklyn“ und „Die Einsamkeit der Primzahlen“ nicht gäbe, weil man sich nie weniger einsam fühlt als in dem Moment, wenn ein Satz in einem Buch endlich die Stille zerbeißt, weil es Menschen gibt, die einen Text von mir gehört und mir gedankt haben, weil ihrer Welt bis dahin etwas gefehlt hat.

Wenn ich es nicht sage. Ist es wirklich wert, gesagt zu werden. Ich habe die Stille dieser Frage zu einem Diamant gepresst und behalte ihn im Mund, bis ich ihn endlich zerbeißen kann.

Weil dieser Diamant mir oft in der Kehle stecken bleibt und mir dann die Luft ausgeht, bevor ich etwas sagen kann, weil ich nicht verstehe, wie Menschen miteinander sprechen können, ohne dass ihnen die Luft ausgeht, wie Menschen miteinander sprechen können, ohne etwas zu sagen, und wie etwas sagen, wenn die Antwort jederzeit „Hä?“ sein kann oder „Oh.“, und wie überhaupt sprechen, ohne dass eine Unendlichkeit uns voreinander schützt.

Weil Sprachlosigkeit ein Diamant sein muss, wenn Reden Silber ist und Schweigen Gold, und ich selten eine so große Angst vor dem Sterben hatte wie bei dem Gedanken daran, wie dieser Diamant mir von innen die Kehle zerschneidet.

Weil ich beim Schreiben keinen Akzent habe. Weil ich beim Schreiben nicht stottere.

Weil ich den Menschen nicht mag, der ich bin, wenn ich nicht schreibe, und mir oft nicht sicher bin, ob es ihn überhaupt gibt. Weil ich mir nie so sicher bin, dass es mich gibt, wie beim Schreiben, und es dann in Ordnung ist.

Weil ich der Un-Fassbarkeit der Welt im Schreiben eine Nadel in den Schmetterlingsleib stoßen kann, weil es keinen größeren Größenwahn gibt als den, an die Fassbarkeit der Welt zu glauben, und ich glaube nicht daran und behaupte sie trotzdem. Weil es nichts Wichtigeres gibt als dieses trotzdem.

Linda Schyma

Wermuth

Warum schreibe ich? II

Das ist Wermuth. Wermuth ist Chefobervogel in meinem Kopf; Sie krabbelt gerne auf der Stange in der Ecke herum und ist mit Stolz und Würde gekrönt. Nie vergisst sie, das zu betonen und knabbert an der gelben Kette um ihren Hals, an der eine Muschelschale mit einem kreisförmigen, sauber gestanzten Loch hängt, aus dem man das Rauschen der Unterwasserhöhle von Nagua hören kann, wo der Jaguar seit Jahrhunderten seinen dicht bepunkteten Kopf gegen Stalaktiten stemmt, immer und immer wieder; bis das Tropfen der Stalagmiten auch seinen Schädel aushöhlt und ihn fortschwemmt, dahin, wo die kleine Schwester Wermuths an einem Wurm herumreißt, der nicht die Kraft aufzubringen weiß, seinen halbierten Körper aus der Gefahrenzone zu ziehen, robbend die gummiweichen Glieder streckend, sich krümmend wie Wermuths Kontaktlinsen, die der praxisleitende Veterinär ihr mit höchster Präzision ins rot gefiederte Gesicht gesetzt hat, nicht, ohne auf seinem rot glühenden Gesicht einen Domino-Effekt auszulösen, dessen fallende Falten Wermuth zu verstören wussten.

Daniel Trommer

Warum ich schreibe.

Ich schreibe, weil mein Leben langweilig ist.
Ich habe in keinem Krieg gekämpft, keinen 8000der bestiegen, keine Frau betrogen und kein Wildschwein erlegt und über dem Feuer gebraten. Genau in dieser Reihenfolge. Alles nicht gemacht. Langweilig! Wobei, was nicht ist, kann ja noch werden. Und man das ja alles noch recht normal finden kann. Also, dass ich die Sachen noch nicht gemacht habe. Aber auch sonst, ist das mit meinem Leben einfach total wenig, es ist lahm und lasch. Meine Eltern zum Beispiel: Haben sich nie getrennt. Ich habe auch keine nennenswerten Krankheiten, Süchte oder andere Probleme. Ich bin nie irgendwo durchgefallen, nie zu spät gekommen, nie angeeckt oder aufgefallen. Ich bin ein Chamäleon. Ein verdammt langweiliges Chamäleon noch dazu. Ich passe mich nicht an, um damit schön, zack, schlurf, mhjamm jamm, ein leckeres Insekt zu verspeisen, nein, im Gegenteil, ich verstecke mich vor dem Insekt noch und versuche, es nicht in seinem Insektsein zu stören. „Oh, bitte, verehrtes Insekt, bin ich ihnen im Weg gesessen, weil ich so grün auf grün bin? Dabei wollte ich Sie doch nur nicht erschrecken, ach wie peinlich. Hier, hier, warten Sie, ich mahe Ihnen Platz. Jaja, Ihnen auch noch einen schönen Tag.“ Und so weiter. Ich habe noch nie jemanden richtig verletzt. Hatte meinen ersten Sex mit 29. Muss ja alles passen. Auf der Arbeit erfülle ich alle Erwartungen. Die Höhepunkte meines Lebens: Mal ins Kino gehen. Bis 1 Uhr aufbleiben. Bücher lesen. Mit den Eltern in Urlaub fahren. Uiii, toolll! Das fetzt ja… Könnte ich mich wenigstens in die Kunst fliehen. Die Bühne rocken als Curt Cobain des 21. Jahrhunderts. Doch das Einzige was von meinen 10 Jahren Klavierunterricht übrig geblieben ist: Alle meine Entchen. Nach 15 Minuten üben. Und davor noch zehn Minuten googeln, wie die Noten nochmal zu lesen sind.
Andere Optionen: Rembrandt oder Clooney … nenene, alles nix.

Also, nochmal im Schnelldurchlauf: In meinem Leben ist nichts passiert. Ich bin ein Glückskind der Nach-Nach-Kriegsgeneration, dessen einzige Sorgen sind, wie er sein schlechtes Gewissen betäubt und sich dabei noch selbst verwirklicht. Keine Wunden, keine Herausforderungen. Nur Sonnenblumen und Schmetterlinge. Ich bin Durchschnitt. Will das aber nicht wahrhaben. Will sichtbar sein. Will der Langeweile entfliehen. Und weil ich keine Spiegelreflexkamera habe, schreibe ich halt. Also doch das mit der Kunst. Mehr bleibt mir nicht übrig. Und die Selbstverwirklichung ist auch schonmal abegedeckt. Toll!

Doch schreib ich eigentlich für mich, um das ganze Zeug in mir loszuwerden, mich von der gähnenden Leere und dem schlechten Gewissen abzulenken und um stattdessen auf ein paar schwarze Strichchen starren zu können, die das große Weiß durchbrechen? Oder ist das mir eigentlich kack-egal psychologisierender Quatsch und ich will einfach nur gesehen werden, da sein, den Applaus für das Gestammel einsammeln?
Die alte Leier vom Schreibproblem des Schreibers. Um seiner selbst oder der anderen Willen? Bullshit. Beides. Immer beides. Und gerade noch hatte ich nach ‚Bullshit‘ direkt ‚Immer beides‘ stehen. Dann hab ich ‚immer beides‘ gelöscht. Und ‚Beides. Immer beides‘ hingetippt. Klingt dann nach mehr Bedeutung. Und „solche“ Strichchen sahen mir zu dominant aus. Darum hab ich ‚die‘ genommen. Unscheinbarer. und jetzt schreib ich einfach alles klein. damit der leser denkt oha wie fancy und lass auch gleich noch die Strichchen weg weil ich jetzt so alternativ vor mich hintipp und irgendeiner findet das dann gut und dann schreibt er mir eine nachricht dass er ganz toll findet was ich so schreibe und so authentisch und dann schickt er das an einen verlag und bald hab
ich mehr leser als tolkien.

Aber jetzt so generell nochmal: Ich schreibe, um zu fliehen. Wegrennen, vor diesem lahmen, glatten Ding, das mein Leben ist. Und dann, (jetzt mal bisschen Licht, bisschen Farbe hier, ist ja nicht auszuhalten mit dem Deprikram) und dann will ich mit einzelnen Sätzen ganze Welten aufreißen, mit Texten Welten erschaffen und einreißen, mir entfliehen und mich einholen, meine Figuren tun lassen, was ich mich selbst nicht getraue.
Und das ist dann schön. Das ist dann Freiheit.

Hab mal ne Geschichte gelesen. Da geht’s um Stine. So eine Figur will ich auch mal erfinden. Stine hat immer nur in den Bergen gelebt und sie liebt das dort und vermisst die Zivilisation nicht. Stine ist da eigentlich zufrieden und es ist total schön zu lesen, wie sie da lebt und das mag. Und dann muss sie doch ins Dorf und da macht ihr ein Typ ein Kompliment und sie geht darauf voll ab und bespringt den Kerl und die haben ne heiße Affäre und er verfällt ihr total, weil sie so ungestüm, wild, anders ist. Aber er ist eigentlich verlobt mit einer, die ihn liebt aber halt nicht so der Abenteuermensch ist. Und er will dann wieder weg von ihr. Und wie sie dann abgeht, alles kaputt haut, sich doch in die in die große Welt stürzt, blind und krank vor Geilheit und Liebe und wie sie kämpft, um ihn zu behalten und wie sie sich verändert und das nicht mal merkt und irgendwie auch sich selbst verrät und verrennt, aber halt fühlt, viel, viel fühlt, viel erlebt, viel krasses und schlimmes und verzweifelnd machendes, überhaupt halt viel, intensiv, viel.

Stine kann ich nicht sein, aber ich kann Stine schreiben. Und das will ich.
Im Schreiben kann ich nämlich alles sein.
Beim Schreiben kann ich ich sein, aber auch jemand ganz anderes und trotzdem so tun, als wäre das ich, über den ich da schreibe. Oder aber ich bin ich, tue aber so, als wäre ich jemand ganz anderes. Oder aber das Ich gibt’s gar nicht und ist eh unwichtig und alles ist nur Gerüst, Fassade und Theater oder aber Worte erschaffen mich und ich kann im Schreiben immer wieder neu erfinden, wer ich ist oder aber dieser Satz hört nie auf oder doch und alles geht,
weil das ist erfinden
und das ist schreiben
und wer soll mich aufhalten!
Gut, außer mein eigener, innerer Zensor. Außer meine Angst, nicht geliebt zu werden. Das Zittern, wenn dieser Text hier veröffentlicht wird. Einer namenlosen Meute vorgeworfen, die den Daumen senken oder heben kann. Oder schweigt. Das Zittern, das bleibt, wenn das großspurige Gelaber und das euphorische Gefühl, das sich gerade beim Schreiben einstellt, verflogen sind.
Klar, im schlechtesten Fall schäme ich mich, wenn ich in ein paar Wochen wieder auf das Ding hier draufgucke. Im besten Fall aber bin ich überrascht, ja stolz, dass ich tatsächlich mal solche Worte gefunden habe, an die ich mich jetzt schon gar nicht mehr erinnern kann und dann ist es, als hätte das alles jemand anderes geschrieben, aber es war ja eben ich und der Text steht da und hätte ich ihn nicht geschrieben, dann gäbe es den jetzt gar nicht.
Und das ist doch verrückt: Ich bin ein Schöpfer.
Es gibt Sätze, Gedanken, Gestalten und Geschichten, nur wegen mir.
Und allein dafür lohnt es sich doch schon, dieses Schreiben
(Happyend).

Linda Schyma

Birdwatching

Warum schreibe ich?

Ich schreibe das, was mich aufzehrt, was mich ehrt und das, was mich zerrüttet, das, was man so verschüttet und das Belanglose, wie die lange Jogginghose oder die schrecklich verkappten Vögel in meinem Kopf, die nur dann singen, wenn ich die Tasten meines Laptops berühre.

Beim Schreiben geht es mir darum, diese bunten Tierchen kennenzulernen und, wenn es gut läuft, gesellschaft-politischliche Zusammenhänge zwischen flauschigem Bauch und Schnabel aufzudecken, möglichst viel von ihrer trillernd-schrillen wörtlichen Rede mitzuschneiden und irgendwie benommen darüber zu fantasieren, was sie meinen könnten.

Daniel Trommer

Nachbarn, Erinnerungen

Meine ersten Nachbarn waren meine Großeltern. Meine einzigen Großeltern. Die anderen waren schon tot. Die Nachbarn-Großeltern sind jetzt auch tot. Alle tot. Das heißt: Keine Geschichten mehr von der Flucht „schwarz über die grüne Grenze“. Die hatte Opa, weißer Latz um den Hals, die weißen Haare sorgsam nach hinten gekämmt, immer den nächsten Predigtdienst und die nächste All-inclusive-Rentnerreise im Kopf, bei jeder Gelegenheit erzählt. Das heißt auch: Keine Geschenke mehr zu Weihnachten und Geburtstag. Ich Pechvogel. Wobei, viel gab’s da eh nie zu holen. Ein Predigerehepaar in der Rente das noch ein Haus gebaut hat und ständig in die ganze Welt in Urlaub fährt – woher soll da Geld kommen? Aber beim Mittagessen wurden wir von Oma, beste Oma, liebste Oma, süßeste Oma, vor allem wenn sie „Salat“ sächsisch aussprach, mit zwei kurzen A’s, als würde man das Wort „Sallatt“ schreiben und vor allem wenn sie dazu so verschmitzt lachte, wurden wir beim Mittagessen also immer zum Nachschlag genötigt. Immerhin. Ach Geschichten, Geschenke, alles blablabla, die Ruhe jetzt sei ihnen vergönnt.

Beim Studium gab’s Nachbarn, die wohnten auf der anderen Seite der engen Gasse, Fenster in der gleichen Höhe, wunderbar zum reingucken. Sich da umzuziehen, auszuziehen und keinen Rollo runter zu machen: aufregend, dieses Wissen, beobachtet werden zu können. Eines Tages, auf der anderen Seite, plötzlich nackte Körper. Nackte Körper in Bewegung, in intensiver Bewegung. Der Winkel ist leider etwas schlecht, ich kann nur Teile sehen, ein Hintern, der sich vor und zurückbewegt. Dazu kein Ton. Nicht hingucken wollen, sollen, doch nicht weggucken können. Der stille Genuss des Spions, des unentdeckten Beobachters. Dann plötzlich, ein Blick, vier Augen treffen sich, vier Augen erschrecken, ihre Brüste hüpfen, ich drehe mich schnell weg, ertappt, Scham, das Rollo geht runter. Schade. Ausgesperrt. Ein bisschen betrogen fühle ich mich. Gerade waren wir doch noch drei, friedlich beisammen, ein paar Blicke, das war doch schön. Was die wohl jetzt von mir denken? Ob die später zum Klingelschild laufen, die Namen studieren, darauf zeigen, den Kopf schütteln, sich anblicken und sagen: „Da wohnt es, das Schwein!“?

Das mit dem Nacktsein, dem Reingucken und den Nachbarn ist ein Thema, das sich durchzieht. Heute wohnt ein kleines Teenie-Mädchen gegenüber. Sie guckt gerne zu uns rüber. Woher wir das wissen? Na weil wir auch rübergucken, natürlich nur um zu gucken, ob sie schon wieder guckt. Ich mein, das ist ein kleines Teeniemädel. Was sollen wir da gucken wollen. Die sitzt da halt und macht Hausaufgaben. Oder starrt aus dem Fenster. Oder turnt radschlagend durchs Zimmer. Normale Teeniesachen halt. Das interessiert mich nicht. Außer so als Nachbar. Und das ist doch, was Nachbarn machen: gucken. Dafür sind sie doch da. Um nie zu vergessen, dass da noch ein Anderer ist. Damit man weiß, dass einen einer beobachtet. Dass da einer ist, der eine Meinung hat, ein Urteil fällt. Der Nachbar hält dich wach, lässt dich den Rasen mähen, die Fenster putzen, den Balkon schöner schmücken. Der Nachbar macht erst, dass mein Leben schön sein kann. Weil ich mein, sonst würde ich ja nix machen. Das würde alles zumüllen, einfetten, kaputtrosten. Aber für den Fall, dass der Nachbar vorbeikommt, dass der ne Milch braucht oder einfach mal nur auf der Türschwelle stehen will, weil wir halt Nachbarn sind, ja da muss ich den doch auch reinbitten können. Da muss ich dem doch zeigen können, wie geil es bei mir aussieht und dass er gefälligst gleich nach Hause gehen soll und sich mal Gedanken über sein mickriges kleines Scheißleben machen soll. Also, wie gesagt, gucken, dafür sind Nachbarn da. Also jetzt aber nicht das Teeniemädel. Dem müssen wir nichts beweisen. Höchstens was beibringen, Aufklärung oder so. Und natürlich zu ihr gucken, damit sie das Aufgaben machen und das Aufräumen nicht vergisst. Ein wichtiger Dienst. Die Eltern sollten uns dankbar sein. Ohne uns, wäre ihre Erziehung ein jämmerlicher Haufen Dreckwäsche. Oder geht das zu weit? Ich glaub, ich mach das Rollo runter.

Sara Hanfler

Meine Nachbarin

Sie stapft und stampft und trampelt. Sie kreischt und stöhnt und lacht.

Sie ist ein Erdbeben, das an ihrer Zimmerdecke, die mein Fußboden ist, rüttelt und mich aus dem Bett schmeißt.

Sie verschiebt Möbel und patrolliert nachts ihre Wohnung; wie ein Zirkustier im Käfig ist sie immer wachsam, immer angespannt, immer auf einen Moment pochend, in dem die Aussicht auf Flucht besteht.

Tagsüber findet sie augenscheinlich Ruhe. Doch diese ist trügerisch; von der Sorte, wie sie vor einem Sturm einkehrt, wenn die Landschaft den Atem anhält. Denn zwar schweigen die weiß-roten Porzellanbären, die sich in verschiedenen Posen auf ihrem Fenstersims räkeln. Dennoch hat man, wenn man im Treppenhaus an ihrer Tür vorbeigeht, immer das Brennen eines misstrauischen Auges durch den Spion im Nacken.

Sie ist ein wildes Tier in einer Holzkiste.

Sie nagt und kratzt an den erstickend engen Wänden ihres Gefängnisses. Und sie schreit.

Anfangs schrie sie ihren Mann an; mittlerweile schreit sie nur noch der Leere in ihrer Wohnung entgegen.

Wenn man an ihrer Tür klingelt und sie bittet, ein wenig leiser zu wüten, sagt sie einem, man solle doch die Polizei rufen, wenn’s einen störe. Es sei ihr egal.

Das Schreien ist ein Ritual. Ein letzter Akt des Aufbegehrens gegen den sich vor ihr aufbäumenden Koloss aus Zeit und Langeweile.

Das Schreien frisst sich wie glühend heißes Metall durch das teigige, leblose Fleisch ihres Alltags.

Sie schreit von zwölf Uhr nachts bis fünf Uhr morgens. Dann geht sie schlafen.

Und dann beginnt’s von vorn.

Bernadette Schlaffner

Nachbarschaftswache

18. Mai 2016 | Hamburg

Als ich gerade meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe, die Augen vom Monitor abwenden und aus dem Fenster in die Ferne starren, bemerke ich eine Gruppe von vier zehn- bis zwölfjährigen Jungs unten an den Müllcontainern. Sie lachen, lassen einen Fußball zwischen den Containern hin und her springen. Glas. Hausmüll. Papier. Wertstoff. Bioabfall. Einer von den Jungs leert einen Karton in den Glascontainer.

Ich frage mich gerade, wieso das scheppernde Geräusch ausbleibt, Glas ist nicht gleich Glas, Fensterglas ist Restmüll, als sich die Jungs plötzlich erschrocken zum Haus wenden. Zur Tür nebenan. Vor meinem inneren Auge sehe ich die Nachbarin, die Arme in die Hüften gestemmt, einen ernsten Blick im Gesicht. Glas ist nicht gleich Glas. Aber es scheppert. Das Recycling von Altglas spart sechzig Prozent an Energie gegenüber der Neuproduktion aus Primärrohstoffen. So sehr ich mich auch verbiege und aus dem Fenster um die Ecke zu linsen versuche, ich sehe die Nachbarin nicht. Seltsamerweise höre ich sie auch nicht. Doch ich spüre ihre Anwesenheit. Die Blicke der Jungs. Der Knabe am Glascontainer lässt verwirrt den Karton los, in das schwarze Loch fallen. Auch diesmal kein Scheppern.

„Nein!“, ruft einer seiner Kumpels, so interpretiere ich zumindest seinen Gesichtsausdruck. Der Junge hüpft zu seinem Kompagnon und reißt ihm den zweiten, leeren, Karton aus der Hand. Der Junge mit dem Fußball steigt auf das Treppengeländer, schaut in den Schlund des Containers, ratlos, hilflos, überlegt kurz hineinzugreifen, hineinzuklettern. Das Recycling von Altpapier spart ein Drittel an Energie gegenüber einer Neuproduktion. Währenddessen landet der zweite Karton nebenan im Hausmüll. Im selben Moment begreifen sie den Fehler. Das Recycling von einer Tonne Altpapier spart eineinhalb Tonnen Kohlenstoffmonoxid gegenüber dem Verbrennen im Restmüll.

Erschrocken wandern die Blicke der Jungs wieder zur Nachbarin, die dort in der Haustür stehen muss, ich kann es mir anders nicht erklären. Nervös schaut der eine, anscheinend der Anführer, durch die Runde und marschiert dann los. Schnell weg. Nicht umdrehen. Intensiver Blickkontakt führt zum Anstieg des Oxytocin-Spiegels. Anstarren ist tödlich.

Eine im Rahmen des Schreiblabors zum Thema Recherche überarbeitete Version einer Bahnvorstellung.