Janine Groemmer

Spiegelbild

Trägst du eine Maske?
Das frage ich mich immer wieder.
Du lächelst mich an.
Ist es echt?
Ich weiß es nicht.
„Du bist lustig!“, sagst du und musst kichern.
Sagst du die Wahrheit oder ist das eine Lüge?
Menschen sind verlogen, allesamt, warum also nicht auch du?
Ich meine, ich bin es auch, sonst würde ich jetzt ganz gewiss nicht zurücklächeln und sagen:
„Mag sein, aber du bist diejenige, die mich überhaupt auf diese Ideen bringt.“, sondern würde dich fragen, ob das hier Lüge oder Wahrheit ist.
Stattdessen grinse ich.
„Weißt du was? Wir sollten uns einmal treffen, du und ich, bei mir zuhause. Was meinst du? Das würde sicherlich Spaß machen!“
Ich nicke bei deinen Worten, obwohl mir gar nicht danach zumute ist und grinse erneut.
„Heute habe ich Zeit, wenn’s Recht ist. Und wenn der Rest deiner Familie auch so verrückt ist…“
Mein Grinsen wir breiter, während ich den Satz unbeendet in der Luft schweben lasse.
„Hey!“
Gespielt böse boxt du mich in die Seite und ich hebe kapitulierend die Hände, ohne das Grinsen von meinem Gesicht zu nehmen, statt dich zu ohrfeigen, weil du eine ohnehin schon verletzte Rippe getroffen hast.
„Was denn? Das ist doch die Wahrheit!“, verteidige ich mich.
Ist es das?
Du rollst mit den Augen.
„Egal jetzt. Komm, Joker, die Lehrerin ist da.“
Joker?
Nennst du mich so, weil du mich für so witzig wie einen Komiker hältst oder weil ich in deinen Augen für Alles und Nichts stehe, wie ein Joker in einem Kartenspiel?
Die Frage brennt mir unter den Nägeln, doch ich stelle sie nicht, sondern rolle meinerseits mit den Augen und stolziere an dir vorbei auf meinen Sitzplatz am Fenster zu.
Gedankenverloren starre ich hinaus, ohne auf das gleichmäßige Auf und Ab der Stimme der Lehrerin zu achten.
Ich würde mich mit dir treffen. Vielleicht sogar noch heute.
Wirst du mir zeigen, wie du wirklich bist, oder wirst du mir etwas vormachen? Ist das, was du mir jetzt zeigst, vielleicht sogar die Wahrheit und ich schätze dich völlig falsch ein? Kann ich dich überhaupt einschätzen oder muss ich lediglich auf das vertrauen, was meine Sinne wahrnehmen?
Mir wird beinahe übel, so sehr schlagen mir diese Fragen auf den Magen, der sich vor lauter Ungewissheit zusammenzieht. Und dennoch wage ich es nicht, dich darauf anzusprechen.
Was würdest du denn dann von mir halten? Würdest du mich als seltsam abstempeln, oder würdest du von nun an ehrlich zu mir sein? Bist du jemand, der das, was ich dir sage, als Geheimnis wahren kann oder würdest du die Dinge weitersagen, die ich dir anvertraue? Würden alle einen Bogen um mich machen, sobald du ihnen davon erzählst oder würden sie dich als Petze bezeichnen und meiden? Was soll ich nur tun?
Ich werde dich besuchen, beschließe ich nach längerem Überlegen, und werde dir größtenteils das Wort lassen. Je mehr du erzählst, desto besser kann ich dich einschätzen und verstehen, hoffe ich.
Seufzend versuche ich der Lehrerin zu lauschen und bemerke, dass sie uns einen Vortrag über Winkelfunktionen hält.
Ich runzele die Stirn.
Hatten wir das nicht bereits? Hat sie es vergessen oder holt sie es für diejenigen nach, die beim ersten Mal nicht zugehört haben? Liegt ihr überhaupt etwas daran, uns diese Dinge beizubringen oder ist sie bei den Gedanken nur bei dem Lohn, mit dem sie dann ihre Wünsche finanzieren kann? Ist es ihr völlig gleichgültig, ob wir ihr zuhören oder sieht sie einfach keine andere Möglichkeit mehr, diese Informationen in unserem Gedächtnis zu verankern, als das schon Gesagte immer und immer wieder zu wiederholen? Ist die Strenge auf ihrem Gesicht echt, oder eine Maske, damit sie den Respekt und die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Schüler bekommt? Ist hier auch nur einer, der so ist, wie er zu sein scheint?
Das Klingeln, das den Unterricht beendet, ist wie das Ende einer Folter, zumindest für die Meisten hier, denn sie wachen mit einem Ruck aus ihrem tranceartigen Zustand auf. Für mich ist es wie eine Ankündigung des Ungewissen und eine Unterbrechung meiner Gedanken, jedoch lasse ich mir nichts davon anmerken, sondern packe wie immer nach Unterrichtsschluss meine Schulsachen.
Währenddessen merke ich, wie sich in mir der Wunsch ausbreitet, dass du mich vergessen hast, oder wir uns zumindest nicht heute treffen. Denn, wie ich zu meiner eigenen Überraschung feststellen muss, ich habe ein wenig Angst vor dieser Verabredung.
Ich will schon mit dem Rucksack auf der Schulter den Raum verlassen, als deine Stimme mich zurückhält.
„Warte! Ohne mich wirst du das Haus doch gar nicht finden! Kennst du überhaupt meine Adresse?“
Ich halte inne.
Mein Magen krampft sich zusammen.
Kann das normal sein, dass ich so eine Angst vor dieser Verabredung habe?
Einmal tief durchatmend, bevor ich mich umdrehe, setze ich dieses Grinsen wieder in mein Gesicht und sage:
„Anders kann man dich ja nicht antreiben, du lahme Schnecke!“, spotte ich und ein paar Umstehende lachen.
Ist es ein echtes Lachen, oder lachen sie nur, weil sie wissen, dass es alle tun werden und sie mitspielen müssen, um noch zur Gruppe zu gehören? Und stimmt es, was ich da behaupte? Ich kenne dich einfach nicht genug.
„Lahme Schnecke? Na warte, dir zeige ich, wer hier eine lahme Schnecke ist!“
In Windeseile hast du deine Sachen gepackt und rennst auf mich zu, wahrscheinlich, um mich zu fangen.
Dankbar, einen Grund zu haben, mich nicht von dir berühren zu lassen, renne ich lachend fort und du folgst mir.
Wir sprinten durch die Flure, inzwischen lachst auch du, ohne jedoch mit dem Spiel aufzuhören. Erst, als wir am Schultor stehen, bleibst du japsend stehen und auch ich drossele meine Geschwindigkeit. Spöttisch jogge ich einmal um dich herum, kann dich jedoch nicht zu einem weiteren Lauf provozieren, also bleibe ich neben dir stehen.
„Wollen wir jetzt zu dir, lahme Schnecke?“
Du brummst lediglich etwas Unverständliches und trottest in Richtung Bus, ich folge dir grinsend.
Den Weg zu deinem Haus legen wir schweigend zurück, doch ich weiß nicht, ob du nur verstimmt bist, dass ich schneller war als du, oder ob das deine Art ist.
Dabei beobachte ich die Umgebung, präge mir diese und den Weg zu deinem Zuhause gut ein.
So, wie ich es immer tue.
Ich schüttle den Kopf, starre auf meine offene Hand und balle sie entschlossen zur Faust. Diesmal soll und wird es anders werden, nehme ich mir vor.
Ich höre auf, alles um mich herum zu betrachten, vollkommen überzeugt davon, mir es diesen Weg höchstens dadurch zu merken, dass ich ihn so oft benutzen würde, versinke in Gedanken und fange an, leise eine Melodie zu summen.
Irgendwann, ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon unterwegs sind, fasst du mich an der Schulter.
Ich fahre erschrocken zusammen und kann mich gerade noch daran hindern, zu einer schallenden Ohrfeige auszuholen, bevor du es bemerkst. Du lächelst, es scheint dich erheitert zu haben, mich zusammenzucken zu sehen.
„Wir sind da. Komm, ich will dir etwas zeigen!“
Das du dabei nur so vor Freude hüpfst, trägt nicht gerade dazu bei, mich zu beruhigen. Warum bloß? Könnte ich es doch nur erklären, dann verstünde ich mich selbst vermutlich um Längen besser.
Du nimmst meine Hand und bevor ich sie dir entziehen kann, zerrst du mich aus dem Bus vor ein gemütlich wirkendes Häuschen.
Genauer kann ich es nicht betrachten, denn schon reißt du mich zur Tür und ich muss zu Boden schauen, um nicht zu stolpern oder hinzufallen. Erst vor der schmalen, hellen Haustür lässt du meine Hand los und kramst nach deinem Schlüssel, wo ich den Moment deiner Unachtsamkeit nutze und diese verstohlen reibe.
Du hast aufgeschlossen und greifst wieder nach meiner Hand, doch rasch ziehe ich sie an mich.
Wieder grinse ich, vielleicht auch, um zu verbergen, wie unbehaglich ich mich durch diese Berührung fühle.
„Und wieder zu langsam, Schnecke. Aber keine Sorge; ich kann selbst laufen.“
Augenverdrehend,  aber dennoch ebenfalls grinsend, packst du trotzdem meine Hand und ziehst mich hinein, bevor ich protestieren, schimpfen, oder dich schlagen kann, was vielleicht auch besser so ist.
Wir gehen an vielen Räumen vorbei und weil uns niemand entgegenkommt, schließe ich daraus, dass wir alleine sind.
Letzten Endes bugsierst du mich in ein Zimmer, das sich kaum von den anderen unterscheidet, schließt die Tür, öffnest die Vorhänge und drehst dich zu mir um.
„Mein kleines Reich.“
Merkwürdig schüchtern lächelst du, die Sonne umrahmt deine Gesichtskonturen wie ein Heiligenschein.
Ich sehe mich um und bin überrascht, als ich keine Dinge sehe, die ich für dich typisch gehalten habe, dafür aber überall welche, die nicht in Zusammenhang miteinander zu stehen scheinen.
Ein selbstgemaltes Bild einer Raubkatze auf einer Art Felsvorsprung, ein Anime, ein offen daliegendes Tagebuch, eine noch unfertige Geburtstagskarte, ein Poster von einem Karatesportler, ein Foto von einem Fluss im Sonnenuntergang und vieles mehr.
Am meisten fällt mir aber eine kleine, höchstens handgroße Schachtel auf, die verschlossen scheint.
Du gehst hinüber und öffnest sie.
Es ist eine Spieluhr.
Im Deckel eingelassen ist ein kleiner Spiegel, im Boden eine genauso große Taschenuhr, dessen Zeiger sich ununterbrochen im Kreis drehen, viel schneller als eine gewöhnliche Uhr, so als verstreiche die Zeit hier schneller. Während sie das tun, ertönt aus der Schachtel eine mir nur allzu bekannte Melodie.
Es ist dieselbe, die ich vorhin gesummt habe.
Ich schaudere.
Zufall oder Schicksal?
Du stellst die Spieluhr auf den Boden, setzt dich mit dem Rücken zu ihr auf den Boden und erst jetzt bemerke ich, dass es hier drin nur einen Stuhl, einen Tisch und ein Bett gibt, weshalb du dich wohl auf den Boden setzt, damit wir beide sitzen können.
Mit einem Wink bedeutest du mir, das Gleiche zu tun und ich gehorche, während sich wieder die Angst in mir bemerkbar macht.
Warum ist dein Zimmer nicht so, wie ich es erwartet habe? Wie kann man so viele Dinge mögen, an so vielen verschiedenen Sachen interessiert sein? Bist du normal und meine Vorstellungen sind einfach nur verdreht oder umgekehrt? Was erwartest du von mir? Was soll ich tun, was lassen? Was machen wir jetzt? Was willst du mir zeigen?
Unbehaglich lasse ich mich vor dir nieder und du holst ein zerknittertes Blatt Papier aus deiner Hosentasche.
Die Spieluhr scheint lauter zu werden.
Vorsichtig glättest du das Blatt und ich sehe, dass eine Zeichnung ist.
Eine Zeichnung von…
Ja von was?
Ich sehe Farben, Formen, Konturen, Linien und Buchstaben, kann jedoch keinen Zusammenhang, kein Bild, kein Wort erkennen.
Ein Knoten bildet sich in meinem Magen. So wie jedes Mal.
Bin ich vielleicht sogar wahnsinnig? Bin ich schon so verrückt, dass ich nicht mehr lesen kann?
Ich weiß mal wieder nicht weiter. Irgendwie ist mir diese Geheimniskrämerei, irgendwie bist du mir unheimlich.
Deine vielen unterschiedlichen Interessen, die dich so aus der Masse hervorstechen lassen, dein Lachen, dass zu häufig erklingt um echt zu sein, jedoch zu herzlich und offen wirkt, um falsch zu sein. Dein Lächeln, das mich dazu veranlasst, zurückzugrinsen, anstatt dich einfach zu ignorieren wie jeden anderen, deine Offenheit, ob nun gespielt oder nicht. Du bist anders. Ich kann dich nicht durchschauen, dich nicht verstehen, und das macht mir Angst. Besser kann ich es nicht beschreiben. Und obwohl ich es zu unterdrücken versuche, versuche, es diesmal zu ignorieren, merke ich, wie diese Angst von mir Besitz ergreift.
„Was erkennst du auf der Zeichnung?“, fragst du.
Es klingt geheimnisvoll, beinahe verschwörerisch.
Nichts.
Doch ich traue mich nicht, dir das zu sagen.
Also lüge ich, während der Knoten in meinem Magen immer größer und schmerzhafter wird.
„Vieles.“
Ich warte eine Weile bis ich das sage, um den Eindruck zu erwecken, dass ich viele Dinge dort genauestens studiert habe.
Das Blut rauscht in meinen Ohren, die Spieluhr spielt immer lauter und der Schmerz, der von meinem Magen ausgeht, wird so stark, dass ich nicht mehr wahrnehme, was du erwiderst.
Stattdessen ist meine gesamte Aufmerksamkeit auf den Spiegel der Spieluhr hinter dir gerichtet.
In ihm sehe ich deinen Rücken, dahinter mein Spiegelbild, mit blutverschmierten Händen, einem blutigen Messer in der Hand und einem wahnsinnigen Glühen in den Augen über deines gebeugt, zum tödlichen Schlag ausholend.

Oder bin das ich?

Linda Schyma

Plüschtiertaube

Plüschtiertaube im Baum.
Du wackelst vor dich hin; es ist warm.
Es ist warm hier am Fenster, stickige Luft, menschlicher Nestbautrieb. Du sitzt da und wackelst, weil du weißt, dass da jemand kommt. Bald flattert die andere heran und wärmt dich; sie drückt ihren runden, weichen Körper an deinen und dann seid ihr Turteltauben. Die grünen Zweige um dich herum wiegen sich im leichten Wind; die Abendsonne verschwindet, wirft rote Reflexe auf die hohen Fenster des Gebäudes; es sieht aus wie ein Hotel, ist aber keines, hier wohnen Menschen; unten ein Mann, seine Plastiktüten rascheln; unbeholfen lenkt er sein Fahrrad zur kleinen Mülltonne.
Ihm ist kalt. Er spürt nicht die Wärme, die dich umfängt; er spürt nur die Kühle der Bierflasche in seiner Hand; es ist keine Pfandflasche und er legt sie wieder weg; seine Schritte sind schlurfend, schleppend; er weiß, dass da niemand kommt; heute Abend ist er allein mit seiner Tütensammlung.
Die Sonne sinkt weiter herab und der Reflex wandert ein Fenster tiefer; golden gelb erleuchtete Glasscheibe; durch sie dringt kaum Wärme; Glas ist kalt, es trennt; es trennt dich von denen, die dich beobachten, Taube, es trennt dich von den Menschen in ihren Häusern, die gerne jemanden hätten wie dich, plüschig, rund, schön anzufassen, einfach da, kugelig, warm.
Glas ist kalt und die Blätter zittern im Wind; Insekten schwirren heran. Irgendwo gröhlen Menschen; sie tanzen und singen Lasst die Gedanken weiter tanzen.“ Aber sie sind längst weg, die Gedanken; diese Menschen sind abgeschaltet, spüren kein warm mehr, kein kalt; sie folgen Impulsen, die ihr Anführer gibt. Lasst doch noch einen saufen.“
Plüschtiertaube im Baum. Dir ist das egal; dir ist egal, was diese Leute denken, die Feiern waren, die ein Bier und noch eines leertrinken und an die Mülltonne stellen, dir ist egal, wann die Flaschen mitgenommen werden; dir ist egal, wo sie heute Abend schlafen; du weißt, der Ast unter dir ist fest; dein Körper ist warm; du bist eine Taube.
Aber du bist nicht taub. Du hörst das Glucken, das Gurren, du hörst, wie sie dich ruft, die andere; du weißt, dass ihr bald Turteltauben sein werdet. Du hörst nicht, wie sich die gepiercten Leute vor dem abgeranzten Schuppen um die Ecke versammeln, ihre stacheligen Köpfe zusammenstecken; zusammen, aber allein; du weißt nicht, was sie denken, warum sie voller Wut sind, warum so hitzig, zu heiß; du hast kein Verständnis für menschliche Wärme oder Kälte, für Ausgrenzung oder Freundlichkeit, du weißt nicht, was es heißt, sich zu verlieren.
Du hast dich nie gefunden.
Aber du wackelst vor dich hin und du bist warm.
Ich mag dich gern, Plüschtiertaube im Baum.

Amelie Reichenbecker

Ich schreibe.

Ich schreibe. Seit ich denken, und seit ich einen Stift halten kann. Schon früher war nichts vor meiner Phantasie sicher. Die Enden von Kinderbüchern wurden umgeschrieben, meine Puppen und Spielzeuge fanden sich als Protagonisten in Abenteuerromanen und mussten sich gegen Geister und andere Spukgeschalten behaupten. Später schrieb ich, um meine Eindrücke von Reisen in Worte zu fassen. Die eigenartige Melancholie, die mich beim Anblick der glänzenden Hochhäuser in Singapur überkam, fand Jahre später ihren Weg in einen Text, ebenso die von Wurzeln umschlungenen Ruinen der Klosteranlage in Kambodscha. Mich interessieren Orten, an denen eine besondere Stimmung herrscht, eine Stimmung, die ich erst nicht greifen kann, die aber nach Jahren, wenn sie fast vergessen scheint, plötzlich wieder da ist und zum Schauplatz einer Geschichte wird.

Schreiben ist für mich die Möglichkeit, Erinnerungen zu neuen Geschichten zu verbinden, an fremden Orten zu sein und eine neue Welt zu erschaffen. Vielleicht ist es diese unendliche Flut an Möglichkeiten, die mich immer wieder dazu bringt, einen Stift in die Hand zu nehmen und zu schreiben. Und die Reise beginnt.

© Amelie Reichenbecker

© Amelie Reichenbecker

Laura Klinkhammer

Pechvogel

Wie sie in der Stadt herumlungern. Sie besetzen, sich einnisten und alles mit ihrer Anwesenheit beschmutzen. Überall ihren Dreck verteilen. In den schäbigsten Ecken und dunkelsten Nischen in ihrem eigenen Unrat hausen.
Du machst einen Bogen um die Orte, an denen sie sich sammeln. Meidest bestimmte Straßen und nimmst Umwege in Kauf. Doch es sind einfach zu viele. Du kannst ihnen nicht aus dem Weg gehen, kannst sie nicht ignorieren. Sie stören dich. Alle.
Du würdigst sie keines Blickes, selbst ein abschätziger erscheint dir zu viel. Für diesen Abschaum hast du noch nicht einmal Mitleid übrig. Es schüttelt dich, wenn sie immer wieder ungewollt dein Blickfeld kreuzen.
Schmutz und Dreck bedecken ihre verkrüppelten, vernarbten Glieder. Ihre zerrupften Kleider lassen bis zur pockigen, kranken Haut blicken. Ja, krank – krank sind sie. Alle.
Du hältst die Luft an, wenn du schnellen Schrittes an ihnen vorbeiziehst. Der Gedanke an eine Berührung mit ihnen lässt dich würgen. Du weichst hastig aus, wenn sie sich dir nähern. Dir wird bereits übel, wenn sie dir zu nahe kommen – wenn sie etwas von dir wollen, wenn es etwas zu holen gibt.
Es widert dich an, wie sie in Resten stochern und alles vom Boden klauben, was hinab fällt. Wie sie das Beste an sich reißen, rücksichtlos aufeinander einhacken und alles nehmen, was sie kriegen können. Und wenn es nichts mehr holen gibt, belagern sie den Nächsten. Wie erbärmlich sie sind. Alle.
Ihr eintöniges Gegröhle belästigt dich. Sie geben keine Ruhe. Du willst sie anschreien, sie verscheuchen, vertreiben, los werden. Aber es hilft nichts. Sie ziehen weiter – und kommen wieder. Immer und immer wieder. Ziehen ihre Kreise, und doch landen sie immer wieder vor deinen Füßen.
Wie nutzlos, gar überflüssig diese Kreaturen sind. Wenn es sie nicht geben würde – die Stadt wäre schöner ohne sie, es würde allen besser gehen. Sie sind eine Last. Für alle.
Das weißt du.
Du kennst sie.
Alle.
Linda Schyma

Fragment: Die Verkennung

Liebe Welt,

ich sitze an einem Baum und höre das Schnattern der Vögel über mir; aber sie sind es nicht, die mich interessieren, auch nicht das leichte Rauschen des Windes, auch nicht die Verspannung in meiner Schulter oder das Armband an meinem Handgelenk, das sich langsam löst, einst sorgsam von einem Freund geknotet.

Ich lehne und achte auf das Tier, das hinter mir sitzt, auf einer geraden Linie, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen kann; im Rücken spüre ich die Konturen des Seils, das es an den Baum kettet, hier hält, auf dass es sprechen möge.

Dies ist eine Wiedergabe seiner Geschichte; ich bin nicht befugt, sie zu verfälschen oder aber durch unaufmerksames Zuhören zu verzerren; also atme ich ein, versuche, mich trotz Verspannung gerade und aufrecht zu setzen und beginne, zu lauschen.

„Gestern habe ich zwei Kaninchen getötet. Ich saß so da und habe ihren Kadavern beim Tropfen zugesehen; das Blut ist langsam und gleichmäßig geflossen, von der Leine, an die man sie sorgsam aufgeknöpft hatte und die schon von Fliegen umschwirrt war, ein Zeugnis der Grausamkeit, die an diesen Ort Einzug hält, ja ihn schon lange unterwandert, in den Ritzen der Mauern steckt, im Knarren der Käfigtüren zu erahnen ist.

Ich habe diese Grausamkeit gekannt, aber hier will ich meine Schilderung der Ereignisse nicht beginnen; ich möchte bei den Körpern bleiben, den warmen, den Eingeweiden, die aus den weichen Bäuchen ragen und der Mattheit der Knopfaugen, mich anblickend wie um mich zu erinnern, was ich getan – was ich tun musste –

Diese Tiere, die jetzt wehleidig und verfilzt von der Schnur hängen, haben nichts mehr gemein mit dem Aussehen, das man ihnen gängigerweise zuschreibt: Dem unschuldigen, plüschigen, anschmiegsamen. Ich aber kann bezeugen, dass sie alles andere als harmlos sind.

Sie, mit ihren schnurrhaarwackelnden Schnauzen, haben meine Luft verbraucht (sie ist jetzt abgestanden und das Fenster beschlagen), sie auch der Pflanze in der Ecke weggeatmet, die jetzt traurig ihre Blätter nach letzten, von draußen hereinsickernden Sonnenresten streckt, und auch der Kerze auf dem Podest in der Ecke, deren kurzer Docht kläglich in seinem Wachsmeer glimmt.“

Die Rede des Tieres ist undeutlich geworden, die Buchstaben irgendwie verdreht; ist es mein Gehör, das streikt oder sind es die Worte; ist das Tier betrunken, verzweifelt in seiner Gefangenschaft; ich möchte mir nicht anmaßen, seine nächsten Sätze entwirren zu können, also lasse ich hier in meinen Aufzeichnungen eine Leerstelle. _____

Nun wird es wieder lauter und ich spüre die Wärme, die Aufregung, die von seinem großen Körper ausgeht; es überragt mich um ein paar Zentimeter; ich weiß es, weil seine Hörner zu beiden Seiten über meinen Kopf reichen; sie sind nach hinten gebogen und schmiegen sich um den Stamm; dessen Dicke zwingt es, den Kopf leicht gesenkt zu halten; vielleicht stammt daher seine Unruhe; es ist gefangen, obwohl sein Streben doch etwas anderem galt, der

„Freiheit. Ich wollte nur Freiheit, aber diese Tiere; sie haben mir nicht zugehört; sie haben gesagt, meine Geschichten von Wiesen, von Reigen bunter Blüten und Wolkenteppichen, auf denen wir grasen könnten, sie seien erfunden, und sie haben Karotten gewaltsam in mein Maul geschoben und mich belagert mit ihren flauschigen Leibern,

Und das alles nur, weil ich gesagt habe

Seht nach oben, seht diese Rotorblätter, seht, wie der Ventilator die Luft durchschneidet. Seht diesen Käfig und riecht die Feuchtigkeit dieses Ortes, der alten Mauern, seht das schwache, trübgefilterte Licht. Betrachtet den  Rost an der Falltür, die sich einmal jeden Morgen öffnet und seht die Farbe der Karotten, die nicht orange, sondern verblichen wirken, sobald sie von behandschuhten Händen in unseren Bereich geschoben werden.

Seht ihr nicht, dass die Luft hier stinkt; dass eure Köttel alles verkleben, dass selbst die Farben, Geräusche aufgesogen werden hier, wo ihr wachst und immer aufeinanderspringt; ob auf Partner oder den Pantoffel jener Frau, die euch gefangen hält, es ist euch gleich -„

Die Stimme des Tieres rückt in weite Ferne und ich versuche zu verstehen, was es mir sagt, von Gängegraben spricht es und vom Ausweiten der Möglichkeiten, vom Irrtum, dem die Tiere erlegen seien und wegen dessen sie nun an der Leine hingen, ihr Blut in gleichmäßigem Takt in ein quadratisches Becken tropfend; die Zeugen dieser Straftat habe man nicht befragt, da sich sowohl Kerze als auch Pflanze der Befragung verweigert und an ihren angestammten Plätzen verwurzelt geblieben seien; in die Akte habe man aufgenommen, dass es sich um Totschlag handele, beim Motiv um Wut über eine Verkennung, denn der Täter sei, anders als die Opfer kein

Kaninchen.

Maria Odoevskaya

Warum

Weil eine Sprache mir erst wirklich gehört, wenn ich ihre Sätze so verbiegen kann, dass aus den Leerstellen in ihnen Tunnellabyrinthe entstehen.

Weil ich das Gefühl kenne, wenn einem keine Sprache wirklich gehört, weil Russisch außerhalb der Migrantenunterkunft nichts galt und ich auf Deutsch nicht einmal einen ganzen Satz bilden konnte, geschweige denn ein Leerstellenlabyrinth aus Sätzen.

Weil ich in den kleinsten Rissen irgendeiner fruchtlosen Internetdiskussion meine stumm machende Ehrfurcht verlor und mich traute zu denken: dieser Welt fehlt etwas, wenn ich es nicht sage.

Weil man sich diese Frage, diese unerhörte Frage, Ist es wirklich wert, gesagt zu werden, immer wieder stellen muss, und weil die noch unerhörtere Antwort, Ja, niemals selbstverständlich ist.

Weil dieser Welt etwas fehlt. Wenn ich es nicht sage. Ist das nicht ein erregender, schwindelerregender, wahnsinniger, wahnsinnig machender Gedanke.

Weil dieser Welt etwas fehlt, weil mir so viel fehlen würde, wenn es „4.48 Psychosis“, „Woyzeck“, „Last Exit To Brooklyn“ und „Die Einsamkeit der Primzahlen“ nicht gäbe, weil man sich nie weniger einsam fühlt als in dem Moment, wenn ein Satz in einem Buch endlich die Stille zerbeißt, weil es Menschen gibt, die einen Text von mir gehört und mir gedankt haben, weil ihrer Welt bis dahin etwas gefehlt hat.

Wenn ich es nicht sage. Ist es wirklich wert, gesagt zu werden. Ich habe die Stille dieser Frage zu einem Diamant gepresst und behalte ihn im Mund, bis ich ihn endlich zerbeißen kann.

Weil dieser Diamant mir oft in der Kehle stecken bleibt und mir dann die Luft ausgeht, bevor ich etwas sagen kann, weil ich nicht verstehe, wie Menschen miteinander sprechen können, ohne dass ihnen die Luft ausgeht, wie Menschen miteinander sprechen können, ohne etwas zu sagen, und wie etwas sagen, wenn die Antwort jederzeit „Hä?“ sein kann oder „Oh.“, und wie überhaupt sprechen, ohne dass eine Unendlichkeit uns voreinander schützt.

Weil Sprachlosigkeit ein Diamant sein muss, wenn Reden Silber ist und Schweigen Gold, und ich selten eine so große Angst vor dem Sterben hatte wie bei dem Gedanken daran, wie dieser Diamant mir von innen die Kehle zerschneidet.

Weil ich beim Schreiben keinen Akzent habe. Weil ich beim Schreiben nicht stottere.

Weil ich den Menschen nicht mag, der ich bin, wenn ich nicht schreibe, und mir oft nicht sicher bin, ob es ihn überhaupt gibt. Weil ich mir nie so sicher bin, dass es mich gibt, wie beim Schreiben, und es dann in Ordnung ist.

Weil ich der Un-Fassbarkeit der Welt im Schreiben eine Nadel in den Schmetterlingsleib stoßen kann, weil es keinen größeren Größenwahn gibt als den, an die Fassbarkeit der Welt zu glauben, und ich glaube nicht daran und behaupte sie trotzdem. Weil es nichts Wichtigeres gibt als dieses trotzdem.

Linda Schyma

Wermuth

Warum schreibe ich? II

Das ist Wermuth. Wermuth ist Chefobervogel in meinem Kopf; Sie krabbelt gerne auf der Stange in der Ecke herum und ist mit Stolz und Würde gekrönt. Nie vergisst sie, das zu betonen und knabbert an der gelben Kette um ihren Hals, an der eine Muschelschale mit einem kreisförmigen, sauber gestanzten Loch hängt, aus dem man das Rauschen der Unterwasserhöhle von Nagua hören kann, wo der Jaguar seit Jahrhunderten seinen dicht bepunkteten Kopf gegen Stalaktiten stemmt, immer und immer wieder; bis das Tropfen der Stalagmiten auch seinen Schädel aushöhlt und ihn fortschwemmt, dahin, wo die kleine Schwester Wermuths an einem Wurm herumreißt, der nicht die Kraft aufzubringen weiß, seinen halbierten Körper aus der Gefahrenzone zu ziehen, robbend die gummiweichen Glieder streckend, sich krümmend wie Wermuths Kontaktlinsen, die der praxisleitende Veterinär ihr mit höchster Präzision ins rot gefiederte Gesicht gesetzt hat, nicht, ohne auf seinem rot glühenden Gesicht einen Domino-Effekt auszulösen, dessen fallende Falten Wermuth zu verstören wussten.

Daniel Trommer

Warum ich schreibe.

Ich schreibe, weil mein Leben langweilig ist.
Ich habe in keinem Krieg gekämpft, keinen 8000der bestiegen, keine Frau betrogen und kein Wildschwein erlegt und über dem Feuer gebraten. Genau in dieser Reihenfolge. Alles nicht gemacht. Langweilig! Wobei, was nicht ist, kann ja noch werden. Und man das ja alles noch recht normal finden kann. Also, dass ich die Sachen noch nicht gemacht habe. Aber auch sonst, ist das mit meinem Leben einfach total wenig, es ist lahm und lasch. Meine Eltern zum Beispiel: Haben sich nie getrennt. Ich habe auch keine nennenswerten Krankheiten, Süchte oder andere Probleme. Ich bin nie irgendwo durchgefallen, nie zu spät gekommen, nie angeeckt oder aufgefallen. Ich bin ein Chamäleon. Ein verdammt langweiliges Chamäleon noch dazu. Ich passe mich nicht an, um damit schön, zack, schlurf, mhjamm jamm, ein leckeres Insekt zu verspeisen, nein, im Gegenteil, ich verstecke mich vor dem Insekt noch und versuche, es nicht in seinem Insektsein zu stören. „Oh, bitte, verehrtes Insekt, bin ich ihnen im Weg gesessen, weil ich so grün auf grün bin? Dabei wollte ich Sie doch nur nicht erschrecken, ach wie peinlich. Hier, hier, warten Sie, ich mahe Ihnen Platz. Jaja, Ihnen auch noch einen schönen Tag.“ Und so weiter. Ich habe noch nie jemanden richtig verletzt. Hatte meinen ersten Sex mit 29. Muss ja alles passen. Auf der Arbeit erfülle ich alle Erwartungen. Die Höhepunkte meines Lebens: Mal ins Kino gehen. Bis 1 Uhr aufbleiben. Bücher lesen. Mit den Eltern in Urlaub fahren. Uiii, toolll! Das fetzt ja… Könnte ich mich wenigstens in die Kunst fliehen. Die Bühne rocken als Curt Cobain des 21. Jahrhunderts. Doch das Einzige was von meinen 10 Jahren Klavierunterricht übrig geblieben ist: Alle meine Entchen. Nach 15 Minuten üben. Und davor noch zehn Minuten googeln, wie die Noten nochmal zu lesen sind.
Andere Optionen: Rembrandt oder Clooney … nenene, alles nix.

Also, nochmal im Schnelldurchlauf: In meinem Leben ist nichts passiert. Ich bin ein Glückskind der Nach-Nach-Kriegsgeneration, dessen einzige Sorgen sind, wie er sein schlechtes Gewissen betäubt und sich dabei noch selbst verwirklicht. Keine Wunden, keine Herausforderungen. Nur Sonnenblumen und Schmetterlinge. Ich bin Durchschnitt. Will das aber nicht wahrhaben. Will sichtbar sein. Will der Langeweile entfliehen. Und weil ich keine Spiegelreflexkamera habe, schreibe ich halt. Also doch das mit der Kunst. Mehr bleibt mir nicht übrig. Und die Selbstverwirklichung ist auch schonmal abegedeckt. Toll!

Doch schreib ich eigentlich für mich, um das ganze Zeug in mir loszuwerden, mich von der gähnenden Leere und dem schlechten Gewissen abzulenken und um stattdessen auf ein paar schwarze Strichchen starren zu können, die das große Weiß durchbrechen? Oder ist das mir eigentlich kack-egal psychologisierender Quatsch und ich will einfach nur gesehen werden, da sein, den Applaus für das Gestammel einsammeln?
Die alte Leier vom Schreibproblem des Schreibers. Um seiner selbst oder der anderen Willen? Bullshit. Beides. Immer beides. Und gerade noch hatte ich nach ‚Bullshit‘ direkt ‚Immer beides‘ stehen. Dann hab ich ‚immer beides‘ gelöscht. Und ‚Beides. Immer beides‘ hingetippt. Klingt dann nach mehr Bedeutung. Und „solche“ Strichchen sahen mir zu dominant aus. Darum hab ich ‚die‘ genommen. Unscheinbarer. und jetzt schreib ich einfach alles klein. damit der leser denkt oha wie fancy und lass auch gleich noch die Strichchen weg weil ich jetzt so alternativ vor mich hintipp und irgendeiner findet das dann gut und dann schreibt er mir eine nachricht dass er ganz toll findet was ich so schreibe und so authentisch und dann schickt er das an einen verlag und bald hab
ich mehr leser als tolkien.

Aber jetzt so generell nochmal: Ich schreibe, um zu fliehen. Wegrennen, vor diesem lahmen, glatten Ding, das mein Leben ist. Und dann, (jetzt mal bisschen Licht, bisschen Farbe hier, ist ja nicht auszuhalten mit dem Deprikram) und dann will ich mit einzelnen Sätzen ganze Welten aufreißen, mit Texten Welten erschaffen und einreißen, mir entfliehen und mich einholen, meine Figuren tun lassen, was ich mich selbst nicht getraue.
Und das ist dann schön. Das ist dann Freiheit.

Hab mal ne Geschichte gelesen. Da geht’s um Stine. So eine Figur will ich auch mal erfinden. Stine hat immer nur in den Bergen gelebt und sie liebt das dort und vermisst die Zivilisation nicht. Stine ist da eigentlich zufrieden und es ist total schön zu lesen, wie sie da lebt und das mag. Und dann muss sie doch ins Dorf und da macht ihr ein Typ ein Kompliment und sie geht darauf voll ab und bespringt den Kerl und die haben ne heiße Affäre und er verfällt ihr total, weil sie so ungestüm, wild, anders ist. Aber er ist eigentlich verlobt mit einer, die ihn liebt aber halt nicht so der Abenteuermensch ist. Und er will dann wieder weg von ihr. Und wie sie dann abgeht, alles kaputt haut, sich doch in die in die große Welt stürzt, blind und krank vor Geilheit und Liebe und wie sie kämpft, um ihn zu behalten und wie sie sich verändert und das nicht mal merkt und irgendwie auch sich selbst verrät und verrennt, aber halt fühlt, viel, viel fühlt, viel erlebt, viel krasses und schlimmes und verzweifelnd machendes, überhaupt halt viel, intensiv, viel.

Stine kann ich nicht sein, aber ich kann Stine schreiben. Und das will ich.
Im Schreiben kann ich nämlich alles sein.
Beim Schreiben kann ich ich sein, aber auch jemand ganz anderes und trotzdem so tun, als wäre das ich, über den ich da schreibe. Oder aber ich bin ich, tue aber so, als wäre ich jemand ganz anderes. Oder aber das Ich gibt’s gar nicht und ist eh unwichtig und alles ist nur Gerüst, Fassade und Theater oder aber Worte erschaffen mich und ich kann im Schreiben immer wieder neu erfinden, wer ich ist oder aber dieser Satz hört nie auf oder doch und alles geht,
weil das ist erfinden
und das ist schreiben
und wer soll mich aufhalten!
Gut, außer mein eigener, innerer Zensor. Außer meine Angst, nicht geliebt zu werden. Das Zittern, wenn dieser Text hier veröffentlicht wird. Einer namenlosen Meute vorgeworfen, die den Daumen senken oder heben kann. Oder schweigt. Das Zittern, das bleibt, wenn das großspurige Gelaber und das euphorische Gefühl, das sich gerade beim Schreiben einstellt, verflogen sind.
Klar, im schlechtesten Fall schäme ich mich, wenn ich in ein paar Wochen wieder auf das Ding hier draufgucke. Im besten Fall aber bin ich überrascht, ja stolz, dass ich tatsächlich mal solche Worte gefunden habe, an die ich mich jetzt schon gar nicht mehr erinnern kann und dann ist es, als hätte das alles jemand anderes geschrieben, aber es war ja eben ich und der Text steht da und hätte ich ihn nicht geschrieben, dann gäbe es den jetzt gar nicht.
Und das ist doch verrückt: Ich bin ein Schöpfer.
Es gibt Sätze, Gedanken, Gestalten und Geschichten, nur wegen mir.
Und allein dafür lohnt es sich doch schon, dieses Schreiben
(Happyend).

Linda Schyma

Birdwatching

Warum schreibe ich?

Ich schreibe das, was mich aufzehrt, was mich ehrt und das, was mich zerrüttet, das, was man so verschüttet und das Belanglose, wie die lange Jogginghose oder die schrecklich verkappten Vögel in meinem Kopf, die nur dann singen, wenn ich die Tasten meines Laptops berühre.

Beim Schreiben geht es mir darum, diese bunten Tierchen kennenzulernen und, wenn es gut läuft, gesellschaft-politischliche Zusammenhänge zwischen flauschigem Bauch und Schnabel aufzudecken, möglichst viel von ihrer trillernd-schrillen wörtlichen Rede mitzuschneiden und irgendwie benommen darüber zu fantasieren, was sie meinen könnten.