6. Juni / Frühjahrskurs 2016
von Linda Schyma

Warum schreibe ich?

Ich schreibe das, was mich aufzehrt, was mich ehrt und das, was mich zerrüttet, das, was man so verschüttet und das Belanglose, wie die lange Jogginghose oder die schrecklich verkappten Vögel in meinem Kopf, die nur dann singen, wenn ich die Tasten meines Laptops berühre.

Beim Schreiben geht es mir darum, diese bunten Tierchen kennenzulernen und, wenn es gut läuft, gesellschaft-politischliche Zusammenhänge zwischen flauschigem Bauch und Schnabel aufzudecken, möglichst viel von ihrer trillernd-schrillen wörtlichen Rede mitzuschneiden und irgendwie benommen darüber zu fantasieren, was sie meinen könnten.

1. Juni 2016 / Frühjahrskurs 2016
von Daniel Trommer

Meine ersten Nachbarn waren meine Großeltern. Meine einzigen Großeltern. Die anderen waren schon tot. Die Nachbarn-Großeltern sind jetzt auch tot. Alle tot. Das heißt: Keine Geschichten mehr von der Flucht „schwarz über die grüne Grenze“. Die hatte Opa, weißer Latz um den Hals, die weißen Haare sorgsam nach hinten gekämmt, immer den nächsten Predigtdienst und die nächste All-inclusive-Rentnerreise im Kopf, bei jeder Gelegenheit erzählt. Das heißt auch: Keine Geschenke mehr zu Weihnachten und Geburtstag. Ich Pechvogel. Wobei, viel gab’s da eh nie zu holen. Ein Predigerehepaar in der Rente das noch ein Haus gebaut hat und ständig in die ganze Welt in Urlaub fährt – woher soll da Geld kommen? Aber beim Mittagessen wurden wir von Oma, beste Oma, liebste Oma, süßeste Oma, vor allem wenn sie „Salat“ sächsisch aussprach, mit zwei kurzen A’s, als würde man das Wort „Sallatt“ schreiben und vor allem wenn sie dazu so verschmitzt lachte, wurden wir beim Mittagessen also immer zum Nachschlag genötigt. Immerhin. Ach Geschichten, Geschenke, alles blablabla, die Ruhe jetzt sei ihnen vergönnt.

Beim Studium gab’s Nachbarn, die wohnten auf der anderen Seite der engen Gasse, Fenster in der gleichen Höhe, wunderbar zum reingucken. Sich da umzuziehen, auszuziehen und keinen Rollo runter zu machen: aufregend, dieses Wissen, beobachtet werden zu können. Eines Tages, auf der anderen Seite, plötzlich nackte Körper. Nackte Körper in Bewegung, in intensiver Bewegung. Der Winkel ist leider etwas schlecht, ich kann nur Teile sehen, ein Hintern, der sich vor und zurückbewegt. Dazu kein Ton. Nicht hingucken wollen, sollen, doch nicht weggucken können. Der stille Genuss des Spions, des unentdeckten Beobachters. Dann plötzlich, ein Blick, vier Augen treffen sich, vier Augen erschrecken, ihre Brüste hüpfen, ich drehe mich schnell weg, ertappt, Scham, das Rollo geht runter. Schade. Ausgesperrt. Ein bisschen betrogen fühle ich mich. Gerade waren wir doch noch drei, friedlich beisammen, ein paar Blicke, das war doch schön. Was die wohl jetzt von mir denken? Ob die später zum Klingelschild laufen, die Namen studieren, darauf zeigen, den Kopf schütteln, sich anblicken und sagen: „Da wohnt es, das Schwein!“?

Das mit dem Nacktsein, dem Reingucken und den Nachbarn ist ein Thema, das sich durchzieht. Heute wohnt ein kleines Teenie-Mädchen gegenüber. Sie guckt gerne zu uns rüber. Woher wir das wissen? Na weil wir auch rübergucken, natürlich nur um zu gucken, ob sie schon wieder guckt. Ich mein, das ist ein kleines Teeniemädel. Was sollen wir da gucken wollen. Die sitzt da halt und macht Hausaufgaben. Oder starrt aus dem Fenster. Oder turnt radschlagend durchs Zimmer. Normale Teeniesachen halt. Das interessiert mich nicht. Außer so als Nachbar. Und das ist doch, was Nachbarn machen: gucken. Dafür sind sie doch da. Um nie zu vergessen, dass da noch ein Anderer ist. Damit man weiß, dass einen einer beobachtet. Dass da einer ist, der eine Meinung hat, ein Urteil fällt. Der Nachbar hält dich wach, lässt dich den Rasen mähen, die Fenster putzen, den Balkon schöner schmücken. Der Nachbar macht erst, dass mein Leben schön sein kann. Weil ich mein, sonst würde ich ja nix machen. Das würde alles zumüllen, einfetten, kaputtrosten. Aber für den Fall, dass der Nachbar vorbeikommt, dass der ne Milch braucht oder einfach mal nur auf der Türschwelle stehen will, weil wir halt Nachbarn sind, ja da muss ich den doch auch reinbitten können. Da muss ich dem doch zeigen können, wie geil es bei mir aussieht und dass er gefälligst gleich nach Hause gehen soll und sich mal Gedanken über sein mickriges kleines Scheißleben machen soll. Also, wie gesagt, gucken, dafür sind Nachbarn da. Also jetzt aber nicht das Teeniemädel. Dem müssen wir nichts beweisen. Höchstens was beibringen, Aufklärung oder so. Und natürlich zu ihr gucken, damit sie das Aufgaben machen und das Aufräumen nicht vergisst. Ein wichtiger Dienst. Die Eltern sollten uns dankbar sein. Ohne uns, wäre ihre Erziehung ein jämmerlicher Haufen Dreckwäsche. Oder geht das zu weit? Ich glaub, ich mach das Rollo runter.