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8. Juni 2016 / Frühjahrskurs 2016
von Daniel Trommer

Ich schreibe, weil mein Leben langweilig ist.
Ich habe in keinem Krieg gekämpft, keinen 8000der bestiegen, keine Frau betrogen und kein Wildschwein erlegt und über dem Feuer gebraten. Genau in dieser Reihenfolge. Alles nicht gemacht. Langweilig! Wobei, was nicht ist, kann ja noch werden. Und man das ja alles noch recht normal finden kann. Also, dass ich die Sachen noch nicht gemacht habe. Aber auch sonst, ist das mit meinem Leben einfach total wenig, es ist lahm und lasch. Meine Eltern zum Beispiel: Haben sich nie getrennt. Ich habe auch keine nennenswerten Krankheiten, Süchte oder andere Probleme. Ich bin nie irgendwo durchgefallen, nie zu spät gekommen, nie angeeckt oder aufgefallen. Ich bin ein Chamäleon. Ein verdammt langweiliges Chamäleon noch dazu. Ich passe mich nicht an, um damit schön, zack, schlurf, mhjamm jamm, ein leckeres Insekt zu verspeisen, nein, im Gegenteil, ich verstecke mich vor dem Insekt noch und versuche, es nicht in seinem Insektsein zu stören. „Oh, bitte, verehrtes Insekt, bin ich ihnen im Weg gesessen, weil ich so grün auf grün bin? Dabei wollte ich Sie doch nur nicht erschrecken, ach wie peinlich. Hier, hier, warten Sie, ich mahe Ihnen Platz. Jaja, Ihnen auch noch einen schönen Tag.“ Und so weiter. Ich habe noch nie jemanden richtig verletzt. Hatte meinen ersten Sex mit 29. Muss ja alles passen. Auf der Arbeit erfülle ich alle Erwartungen. Die Höhepunkte meines Lebens: Mal ins Kino gehen. Bis 1 Uhr aufbleiben. Bücher lesen. Mit den Eltern in Urlaub fahren. Uiii, toolll! Das fetzt ja… Könnte ich mich wenigstens in die Kunst fliehen. Die Bühne rocken als Curt Cobain des 21. Jahrhunderts. Doch das Einzige was von meinen 10 Jahren Klavierunterricht übrig geblieben ist: Alle meine Entchen. Nach 15 Minuten üben. Und davor noch zehn Minuten googeln, wie die Noten nochmal zu lesen sind.
Andere Optionen: Rembrandt oder Clooney … nenene, alles nix.

Also, nochmal im Schnelldurchlauf: In meinem Leben ist nichts passiert. Ich bin ein Glückskind der Nach-Nach-Kriegsgeneration, dessen einzige Sorgen sind, wie er sein schlechtes Gewissen betäubt und sich dabei noch selbst verwirklicht. Keine Wunden, keine Herausforderungen. Nur Sonnenblumen und Schmetterlinge. Ich bin Durchschnitt. Will das aber nicht wahrhaben. Will sichtbar sein. Will der Langeweile entfliehen. Und weil ich keine Spiegelreflexkamera habe, schreibe ich halt. Also doch das mit der Kunst. Mehr bleibt mir nicht übrig. Und die Selbstverwirklichung ist auch schonmal abegedeckt. Toll!

Doch schreib ich eigentlich für mich, um das ganze Zeug in mir loszuwerden, mich von der gähnenden Leere und dem schlechten Gewissen abzulenken und um stattdessen auf ein paar schwarze Strichchen starren zu können, die das große Weiß durchbrechen? Oder ist das mir eigentlich kack-egal psychologisierender Quatsch und ich will einfach nur gesehen werden, da sein, den Applaus für das Gestammel einsammeln?
Die alte Leier vom Schreibproblem des Schreibers. Um seiner selbst oder der anderen Willen? Bullshit. Beides. Immer beides. Und gerade noch hatte ich nach ‚Bullshit‘ direkt ‚Immer beides‘ stehen. Dann hab ich ‚immer beides‘ gelöscht. Und ‚Beides. Immer beides‘ hingetippt. Klingt dann nach mehr Bedeutung. Und „solche“ Strichchen sahen mir zu dominant aus. Darum hab ich ‚die‘ genommen. Unscheinbarer. und jetzt schreib ich einfach alles klein. damit der leser denkt oha wie fancy und lass auch gleich noch die Strichchen weg weil ich jetzt so alternativ vor mich hintipp und irgendeiner findet das dann gut und dann schreibt er mir eine nachricht dass er ganz toll findet was ich so schreibe und so authentisch und dann schickt er das an einen verlag und bald hab
ich mehr leser als tolkien.

Aber jetzt so generell nochmal: Ich schreibe, um zu fliehen. Wegrennen, vor diesem lahmen, glatten Ding, das mein Leben ist. Und dann, (jetzt mal bisschen Licht, bisschen Farbe hier, ist ja nicht auszuhalten mit dem Deprikram) und dann will ich mit einzelnen Sätzen ganze Welten aufreißen, mit Texten Welten erschaffen und einreißen, mir entfliehen und mich einholen, meine Figuren tun lassen, was ich mich selbst nicht getraue.
Und das ist dann schön. Das ist dann Freiheit.

Hab mal ne Geschichte gelesen. Da geht’s um Stine. So eine Figur will ich auch mal erfinden. Stine hat immer nur in den Bergen gelebt und sie liebt das dort und vermisst die Zivilisation nicht. Stine ist da eigentlich zufrieden und es ist total schön zu lesen, wie sie da lebt und das mag. Und dann muss sie doch ins Dorf und da macht ihr ein Typ ein Kompliment und sie geht darauf voll ab und bespringt den Kerl und die haben ne heiße Affäre und er verfällt ihr total, weil sie so ungestüm, wild, anders ist. Aber er ist eigentlich verlobt mit einer, die ihn liebt aber halt nicht so der Abenteuermensch ist. Und er will dann wieder weg von ihr. Und wie sie dann abgeht, alles kaputt haut, sich doch in die in die große Welt stürzt, blind und krank vor Geilheit und Liebe und wie sie kämpft, um ihn zu behalten und wie sie sich verändert und das nicht mal merkt und irgendwie auch sich selbst verrät und verrennt, aber halt fühlt, viel, viel fühlt, viel erlebt, viel krasses und schlimmes und verzweifelnd machendes, überhaupt halt viel, intensiv, viel.

Stine kann ich nicht sein, aber ich kann Stine schreiben. Und das will ich.
Im Schreiben kann ich nämlich alles sein.
Beim Schreiben kann ich ich sein, aber auch jemand ganz anderes und trotzdem so tun, als wäre das ich, über den ich da schreibe. Oder aber ich bin ich, tue aber so, als wäre ich jemand ganz anderes. Oder aber das Ich gibt’s gar nicht und ist eh unwichtig und alles ist nur Gerüst, Fassade und Theater oder aber Worte erschaffen mich und ich kann im Schreiben immer wieder neu erfinden, wer ich ist oder aber dieser Satz hört nie auf oder doch und alles geht,
weil das ist erfinden
und das ist schreiben
und wer soll mich aufhalten!
Gut, außer mein eigener, innerer Zensor. Außer meine Angst, nicht geliebt zu werden. Das Zittern, wenn dieser Text hier veröffentlicht wird. Einer namenlosen Meute vorgeworfen, die den Daumen senken oder heben kann. Oder schweigt. Das Zittern, das bleibt, wenn das großspurige Gelaber und das euphorische Gefühl, das sich gerade beim Schreiben einstellt, verflogen sind.
Klar, im schlechtesten Fall schäme ich mich, wenn ich in ein paar Wochen wieder auf das Ding hier draufgucke. Im besten Fall aber bin ich überrascht, ja stolz, dass ich tatsächlich mal solche Worte gefunden habe, an die ich mich jetzt schon gar nicht mehr erinnern kann und dann ist es, als hätte das alles jemand anderes geschrieben, aber es war ja eben ich und der Text steht da und hätte ich ihn nicht geschrieben, dann gäbe es den jetzt gar nicht.
Und das ist doch verrückt: Ich bin ein Schöpfer.
Es gibt Sätze, Gedanken, Gestalten und Geschichten, nur wegen mir.
Und allein dafür lohnt es sich doch schon, dieses Schreiben
(Happyend).

1. Juni 2016 / Frühjahrskurs 2016
von Daniel Trommer

Meine ersten Nachbarn waren meine Großeltern. Meine einzigen Großeltern. Die anderen waren schon tot. Die Nachbarn-Großeltern sind jetzt auch tot. Alle tot. Das heißt: Keine Geschichten mehr von der Flucht „schwarz über die grüne Grenze“. Die hatte Opa, weißer Latz um den Hals, die weißen Haare sorgsam nach hinten gekämmt, immer den nächsten Predigtdienst und die nächste All-inclusive-Rentnerreise im Kopf, bei jeder Gelegenheit erzählt. Das heißt auch: Keine Geschenke mehr zu Weihnachten und Geburtstag. Ich Pechvogel. Wobei, viel gab’s da eh nie zu holen. Ein Predigerehepaar in der Rente das noch ein Haus gebaut hat und ständig in die ganze Welt in Urlaub fährt – woher soll da Geld kommen? Aber beim Mittagessen wurden wir von Oma, beste Oma, liebste Oma, süßeste Oma, vor allem wenn sie „Salat“ sächsisch aussprach, mit zwei kurzen A’s, als würde man das Wort „Sallatt“ schreiben und vor allem wenn sie dazu so verschmitzt lachte, wurden wir beim Mittagessen also immer zum Nachschlag genötigt. Immerhin. Ach Geschichten, Geschenke, alles blablabla, die Ruhe jetzt sei ihnen vergönnt.

Beim Studium gab’s Nachbarn, die wohnten auf der anderen Seite der engen Gasse, Fenster in der gleichen Höhe, wunderbar zum reingucken. Sich da umzuziehen, auszuziehen und keinen Rollo runter zu machen: aufregend, dieses Wissen, beobachtet werden zu können. Eines Tages, auf der anderen Seite, plötzlich nackte Körper. Nackte Körper in Bewegung, in intensiver Bewegung. Der Winkel ist leider etwas schlecht, ich kann nur Teile sehen, ein Hintern, der sich vor und zurückbewegt. Dazu kein Ton. Nicht hingucken wollen, sollen, doch nicht weggucken können. Der stille Genuss des Spions, des unentdeckten Beobachters. Dann plötzlich, ein Blick, vier Augen treffen sich, vier Augen erschrecken, ihre Brüste hüpfen, ich drehe mich schnell weg, ertappt, Scham, das Rollo geht runter. Schade. Ausgesperrt. Ein bisschen betrogen fühle ich mich. Gerade waren wir doch noch drei, friedlich beisammen, ein paar Blicke, das war doch schön. Was die wohl jetzt von mir denken? Ob die später zum Klingelschild laufen, die Namen studieren, darauf zeigen, den Kopf schütteln, sich anblicken und sagen: „Da wohnt es, das Schwein!“?

Das mit dem Nacktsein, dem Reingucken und den Nachbarn ist ein Thema, das sich durchzieht. Heute wohnt ein kleines Teenie-Mädchen gegenüber. Sie guckt gerne zu uns rüber. Woher wir das wissen? Na weil wir auch rübergucken, natürlich nur um zu gucken, ob sie schon wieder guckt. Ich mein, das ist ein kleines Teeniemädel. Was sollen wir da gucken wollen. Die sitzt da halt und macht Hausaufgaben. Oder starrt aus dem Fenster. Oder turnt radschlagend durchs Zimmer. Normale Teeniesachen halt. Das interessiert mich nicht. Außer so als Nachbar. Und das ist doch, was Nachbarn machen: gucken. Dafür sind sie doch da. Um nie zu vergessen, dass da noch ein Anderer ist. Damit man weiß, dass einen einer beobachtet. Dass da einer ist, der eine Meinung hat, ein Urteil fällt. Der Nachbar hält dich wach, lässt dich den Rasen mähen, die Fenster putzen, den Balkon schöner schmücken. Der Nachbar macht erst, dass mein Leben schön sein kann. Weil ich mein, sonst würde ich ja nix machen. Das würde alles zumüllen, einfetten, kaputtrosten. Aber für den Fall, dass der Nachbar vorbeikommt, dass der ne Milch braucht oder einfach mal nur auf der Türschwelle stehen will, weil wir halt Nachbarn sind, ja da muss ich den doch auch reinbitten können. Da muss ich dem doch zeigen können, wie geil es bei mir aussieht und dass er gefälligst gleich nach Hause gehen soll und sich mal Gedanken über sein mickriges kleines Scheißleben machen soll. Also, wie gesagt, gucken, dafür sind Nachbarn da. Also jetzt aber nicht das Teeniemädel. Dem müssen wir nichts beweisen. Höchstens was beibringen, Aufklärung oder so. Und natürlich zu ihr gucken, damit sie das Aufgaben machen und das Aufräumen nicht vergisst. Ein wichtiger Dienst. Die Eltern sollten uns dankbar sein. Ohne uns, wäre ihre Erziehung ein jämmerlicher Haufen Dreckwäsche. Oder geht das zu weit? Ich glaub, ich mach das Rollo runter.