Springe zum Inhalt

»Love complicated« von Catharina Wrage

Nate!
Diese blauen Augen hätte ich in Jahren noch wiedererkannt.  Der Club war riesig und er stand nur etwa zwei Meter von mir entfernt, vorgelehnt an der Bar, lachend und vor sich ein Glas Bier stehend.  Er sah einfach wie immer perfekt aus!
Mein Herz schlug doppelt so schnell, als ich ihn sah und doch hatte ich das Gefühl, als würden sich Krallen in meine Eingeweide fahren. Was macht er hier? Meine Hand zitterte ein wenig, als ich wieder nach meinem Glas griff und einen großen Schluck trank.  Wieso war er bloß hier?


Ich trank mein Glas auf ex und sofort fingen meine Augen an zu tränen, während meine Kehle brannte. Ich hatte Nate jetzt seit zwei Jahren nicht mehr gesehen und plötzlich stand er wieder vor mir. Wieso? Ich nahm nichts weiter als uns beide wahr. Alles um mich herum schien verschwommen und es war so, als wären wir alleine in diesem Raum. Ich hatte das Gefühl, als würde ich keine Luft mehr kriegen. Plötzlich schaute er zurück und ich starrte direkt in seine eisblauen Augen.
Mein Herz blieb für eine Sekunde stehen!

Überraschung huschte über sein Gesicht, bevor er auf das leere Glas in meiner Hand starrte.  Seine Miene verfinsterte sich, als unsere Blicke sich wieder trafen.  Keiner von uns beiden sah weg. Ich wollte es! Aber ich konnte es nicht! Ich war wie erstarrt!  Meine Freundin Lynn hatte jetzt wohl auch Nate erkannt und sah zwischen uns beiden hin und her.  Nach kurzer Zeit drehte er sich von mir weg und fuhr sich durchs Haar.  Für viele wäre es ein klares Zeichen von Coolness gewesen, doch ich kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, dass er das nur tat, wenn er verunsichert war.

Lynn sah mich fragend an: »Geht es dir gut, Taylor?«
Anstatt ihr zu antworten, nahm ich ihr Glas und fing an zu trinken.
Ich spürte schon, wie viel ich getrunken hatte, doch meine Gedanken waren immer noch total klar, obwohl ich doch nur trank, um von ihm abgelenkt zu sein und ihn zu vergessen. Doch das konnte ich nicht! Ich konnte ihn nicht vergessen!
Jede einzelne Erinnerung von uns beiden hatte sich in meinem Gedächtnis festgeklammert und es tat weh, wenn ich versuchte, sie loszulassen.
Nates rauchige Lache spürte ich am ganzen Körper.
Ich bestellte mir ein weiteres Glas.
Lynn schaute mich unschlüssig an: »Sollen wir von hier verschwinden?«
Ich schüttelte meinen Kopf, während ich das Glas wieder auf ex trank.
Ich ließ mir von ihm doch nicht meinen Geburtstag versauen!

»Ich glaube, du hattest genug Alkohol für heute, Taylor!« Ich schüttelte den Kopf.
Um Nate vergessen zu können, brauchte ich viel mehr Alkohol. Was machte er bloß mit mir? Und was machte er bloß hier?
Auf einmal sah Lynn mich schuldig an: »Es tut mir so leid, Süße!«
Ich wollte sie fragen, was sie meinte, doch da schlangen sich Stefans Arme auch schon um sie. Und Nate stand daneben und schaute einfach nur auf den Boden. Ich versuchte ihn zu ignorieren. Lynn quiekte auf, fiel um Stefans Hals und küsste ihn. Ich sah die beiden überrascht an. Ich hatte gar nicht gewusst, dass die beiden etwas am Laufen hatten! Ich wagte einen kurzen Blick zu Nate, doch ich sah gleich wieder weg, weil ich das Gefühl bekam, als würden seine Augen mich durchbohren.
Ich versuchte weiter so gut wie es ging, ihn zu ignorieren und bestellte mir noch ein Glas. Doch bevor ich danach greifen konnte, nahm Nate es schon.

»Ich glaube, Lynn hat Recht! Du hast für heute Abend schon genug getrunken!«
Seine Stimme! Und sein Duft! Der war noch genauso wie vor zwei Jahren. Und das Aftershave erkannte ich nur zu gut. Das hatten wir beide zusammen gekauft! Durch seine Nähe bekam ich eine Gänsehaut, wie früher!
»Ich habe mir unser Wiedersehen irgendwie anders vorgestellt!«
Er sah mich dabei nicht an, sondern starrte auf die gegenüberliegende Wand.
Ich schnaubte: »Und ich habe mir gewünscht, ich müsste dich nie wiedersehen!«
Warum redete ich überhaupt mit ihm?

Ich legte den Kopf auf die Theke und schaute an ihm vorbei und beobachtete die tanzenden Leute. Alles war besser, als etwas zu ihm zu sagen. Oder etwas von ihm zu hören! Ich musste Nate einfach ignorieren und ihm zeigen, dass er mir total egal war. Doch in der nächsten Sekunde merkte ich, wie mir langsam die Tränen kamen und im nächsten Moment fing ich auch schon an zu weinen! Ich verfluchte mich selbst, dass ich nicht stark genug sein konnte. Wieso konnte der Alkohol nicht langsam wirken und mich vergessen lassen? Meinen Schmerz und Nate! Er trank frustriert mein Glas und stellte sich dann näher zu mir. Als ich seine Hand ganz sachte auf meinem Rücken spürte, fuhr ich erschrocken auf und starrte ihn wütend an.

Nate nahm sofort seine Hände hoch: »Es tut mir leid!«
Ich schluchzte immer mehr: »Was?«
Ich spürte den Schmerz, den er zurückgelassen hatte und den ich über die beiden Jahre mehr oder weniger erfolgreich versucht hatte zu verdrängen.
Nate sah mich zerknirscht an: »Für alles! Ich entschuldige mich für alles, was ich dir angetan habe, Taylor! Ich wollte dich niemals verletzen, das musst du mir glauben!«
Was sollte ich ihm glauben? Dass er mich die ganze Zeit über belogen hatte? Dass ich ihm eigentlich egal gewesen bin, obwohl er alles für mich war? Oder das er mich mit einem »ich liebe dich« weich bekommen hatte, obwohl es nicht der Wahrheit entsprach?
»Dieses eine Jahr, Taylor…«
Ich konnte ihm nicht weiter zuhören! Ich musste hier weg!
Frustriert sprang ich vom Hocker, doch mein Gleichgewichtssinn machte mir einen Strich durch die Rechnung. Aua! Der Schmerz, als ich auf dem Boden landete, war nichts zu dem, was ich vorher gespürt hatte. Nate war sofort an meiner Seite und zog mich hoch.

»Geht es dir gut? Hast du dir wehgetan?«
Ich riss mich von ihm los und der Raum kippte scheinbar zur Seite.
Nate biss die Zähne zusammen, als er wieder meinen Arm packte:
»Du kannst doch noch nicht einmal richtig stehen! Du kannst jetzt nicht gehen! Ganz allein!«
»Na klar!«
Ich riss mich erneut los, nur um beim nächsten Schritt wieder umzukippen, doch diesmal war Nate schneller und hielt mich fest.
»Wieviel hast du heute Abend getrunken, Taylor?«
Was interessierte es ihn, was ich machte? Müsste er nicht bei seiner Mary sein? Hatte er ihr eigentlich von mir erzählt?
Er kniff seine Augen zusammen und starrte mich an: »Warum trinkst du bloß so viel? Du weißt genauso gut wie ich, dass du nichts verträgst. Sieh dich doch nur an! Was bringt dir das?«
Ich war plötzlich ganz fasziniert von dem Fußboden: »Um dich zu vergessen!«
Ich hoffte, dass er das nicht gehört hatte!
Nate sah mich überrascht an, doch bevor er etwas sagen konnte, riss ich mich los und rannte zum Ausgang.
Oder versuchte es eher gesagt!
Der Boden schwankte unter meinen Füßen und ich lief gefühlt gegen jeden erdenklichen Gegenstand, den es in diesem Raum nur gab, bevor ich aus der Tür schwankte und vom kühlen Septemberwind umgeben war.

von Catharina Wrage

Schreibe einen Kommentar