von Julia Groscurth

Bis vor ein paar Sekunden hatte ich noch geglaubt, es wäre ein völlig normaler Tag.
Ein Tag wie jeder andere, geprägt von Verzweiflung, alleine sein, und dem immer dringender werdenden Bedürfnis, zu reden.
Ganz egal, mit wem.
Wahrscheinlich hätte ich sogar meinem besten Kumpel Sven das Herz ausgeschüttet, und der hätte wie so oft gelacht, und gesagt, dass das alles irgendwann wieder vorbei gehen würde.

Absoluter Unsinn.
Mein Blick schweifte zu ihm, wie er da saß, Arm in Arm mit seiner Frau.
Ich schloss kurz die Augen und versuchte, irgendwo anders hinzusehen, begann die Fliesen auf dem Boden zu zählen.
Eins, zwei drei.
Wieso schlug mein Herz so schnell, warum war ich schon wieder kurz davor, in Tränen auszubrechen?
Sieben, acht, neun, zehn.
Mein Blick fiel auf den Fernseher, auf dessen mattem Bildschirm eine alte Schnulze vor sich hindudelte.
Vierzehn, fünfzehn.
Es gibt keinen Grund, sich unnötig aufzuregen, mache nicht alles noch schlimmer, als es ohnehin schon ist.
Doch genau in diesem einen kleinen Moment, in dem ich besser hätte wegsehen sollen, kamen im Film die beiden Hauptdarsteller ins Bild.
Hand in Hand.
Sie sahen so glücklich aus, einfach
frei, und ich konnte fast hören, wie in meinem Inneren mit einem leisen Splittern etwas zerbrach.
Denn in diesem völlig unbedeutenden Augenblick war mir klar geworden, dass es nicht mehr ging, schon seit Monaten nicht mehr.
Ich kam weder vor, noch zurück, steckte fest zwischen zwei rissigen Mauern, die ich mir selbst gebaut hatte.
Bald würden sie in sich zusammen fallen, zu einem mickrigen Haufen Asche, dabei hatte ich so lange alles dafür gegeben, sie aufrecht zu halten.
Ich musste schon eine Weile mit glasigen, immer größer werdenden Augen ins Nichts gestarrt haben, da merkte ich, wie Sven mit seiner Hand vor meinem Gesicht herumfuchtelte.

»Hallo? Alles okay?«, fragte Sven, und fuchtelte noch ein wenig stärker.
Ich musste hier weg. Ohne ihn anzusehen schlug ich seine zappelnde Hand weg, und stürzte zur Türe hinaus, begann zu rennen.
Hitze.
Sie traf mich mit einer ungeheuren Intensität, sie war alles, was ich fühlte.
Im Nachhinein hätte ich es wissen müssen, eigentlich hätte mir klar sein sollen, dass ich Sven nichts vormachen konnte.
»Scheiße. Komm zurück!«, hörte ich ihn brüllen, »warte! Jetzt warte doch mal!«, schrie er sich fast die Seele aus dem Leib.
Ich ignorierte ihn, alles in mir drehte durch, und das ganze abscheuliche Chaos in mir wurde ein weiteres mal ziellos umhergewirbelt.
Alles tat mir weh.
Mein Kopf, der schon so viel gedacht hatte, dass er die offensichtlichsten Dinge übersah.
Meine Füße, die Millionen Kilometer zurückgelegt hatten, ohne den richtigen Weg zu finden.
Mein Bauch, von enttäuschten Schmetterlingen zerfressen.
Alles in mir wollte einfach nur noch weg, so weit weg, wie nur irgendwie möglich.
Der dunkle Asphalt glühlte, und mir schlug die staubige, unbarmherzig stechende Julisonne ins Gesicht.
Für einen winzigen Moment glaubte ich zu ersticken, doch ich stellte erschrocken fest, dass es sich gut anfühlte.
Es war das Ventil für meine Trauer, das ich schon viel zu lange lange erfolglos gesucht hatte.

Die stehende Luft um mich ließ mich aufkeuchen, doch ich rannte weiter.
Niemand war bei diesem mörderischen Wetter auf die Idee gekommen, das Haus zu verlassen, der Weg war menschenleer.
Ich war alleine. Das war ich gewohnt.
Wieder hörte ich diesen kleinen, gemeinen Teufel auf meiner Schulter hämisch lachen.
Ich wusste nicht, wie oft ich versucht hatte, ihn loszuwerden.
Er wollte mich einfach nicht loslassen.
Auf einmal steckte in mir der irrsinige Gedanke, ich könne vor ihm wegrennen, er würde vielleicht nicht hinterher kommen, wenn ich nur weit genug weggelaufen würde.
Meine Lunge brannte, als würde sie jeden Moment versagen, und kraftlos aufgeben.
Aufgeben, kraftlos, aber nicht kampflos.
Doch jetzt war alles in mir müde und erschöpft vom Kämpfen, ich hatte zu lange versucht, den Einsturz der Mauern zu verhindern.
Durchhalten war alles, was zählte.
Er durfte nicht hinterherkommen.
Lauf. Schüttele ihn ab.
Am liebsten würde ich ihn am Kragen packen und ihn laut lachend über die Autobahnbrücke werfen, die nun vor mir auftauchte.
Doch
er war es gewesen, der mich an den Haaren gepackt hatte, und mich in eine Richtung geschleift hatte, die unglaublich falsch war.
Die Brücke lag verlassen da, dutzende Meter unter mir sah ich kleine, glänzende Autos entlangrasen.
Es sah wirklich verdammt hoch aus.
Auf einmal wurde ich wütend. Was hatte ich nur falsch gemacht?
Wann war ich zu langsam wieder aufgestanden und hatte den ekligen, grauenhaften Widersacher auf meine Schulter krabbeln lassen?
Auf meiner Stirn bildeten sich kleine Schweißperlen.

Von der Hitze hingen die Gräser neben den staubtrockenen Fahrbahnen schlaff und leblos herab, als könnten sie der grellen Sonne nicht mehr länger stand halten.
Dabei hätte nur jemand kommen müssen, um ihnen Wasser zu geben…
Ob sie sich je wieder erholen würden?
Ob
ich irgendwann wieder glücklich sein könnte?
Es ist aussichtslos, wisperte es von meiner Schulter, tu es, wenn du willst, dass dieser Schmerz aufhört. Tu es… Es wird danach besser sein…
Komplett blind vor Tränen schob ich erst ein Bein über das heiße Stahlgeländer, dann das andere.
Los jetzt… Alles ist besser, als das…, dröhnte es unaufhaltsam in meinem Kopf.
Haltlos begann ich zu schluchzen. Alles um mich sah ich verschwommen, alles außer den staubenden Autos unter mir, die so schnell fuhren, als wollten sie dem Wetter entkommen.
Nur noch meine Hände klammerten verkrampft am Geländer, das meine Hände regelrecht zum brennen brachte.
Mein ganzer Körper bebte.
Ich hörte Sven erst, als er bis auf wenige Meter bei mir war.
»Nein, was tust du da!!!«, brüllte er, und seine Stimme versagte vor Angst, »Ich werde...«, doch weiter hörte ich ihn nicht mehr.
Ich sah Sven nicht an, sah nur die Autobahn unter mir, die das einzige Ventil zu sein schien.
Sven schrie, so laut er konnte, das Monster in mir schien wieder ein Stück zu wachsen.
Ich halte das alles hier keine einzige Sekunde mehr aus.
»Warte!«, Svens Stimme überschlug sich.
Es ging nicht mehr.
»Ich kann mich nicht mehr wehren«, murmelte ich mit zitternder Stimme zu meiner Schulter, »du bist zu schwer…«
Der kleine Teufel war gewachsen, zu einer kaum tragbaren Last auf meinen Schultern geworden, und nun drückte er mich erbarmungslos weiter nach unten.
Nach unten, wo die Autos entlangglitten.
Ich merkte, wie meine schwitzigen Hände langsam abrutschten.
Plötzlich verlor ich das Gleichgewicht, hatte keinen Boden mehr unter den Füßen.
Es kam mir vor, als wären es Minuten, Stunden dann Jahre, die ich fiel, ich spürte den Wind der mich auf einmal umgab, und der unerwünschte, zerstörende Gast auf meiner Schulter stieß einen triumphierenden Siegesschrei aus.
Dann blieb meine Welt still.

von Julia Groscurth

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