»Siebzehn« von Anne Benkowitz

Ruhig liegt er da. Sein Körper bewegt sich kein Stück, bis auf seinen Brustkorb der sich, dank der vielen Schläuche und Geräte in und um seinen Körper, noch einige Zeit auf und ab bewegen durfte. Nur seine Augen sehen mich noch an, wie früher. Seine Augen voller Hoffnung, die unsichtbare Tränen vergießen. Er sieht mich an, als könne er durch mich durch sehen, als sei ich die Luft, die er bald nicht mehr atmen könnte.

Gleichzeitig sieht er in meinen Kopf, in meinen Kopf voller Erinnerungen und voller Gedanken. Als wolle er mich an all die Momente erinnern, die wir viel zu kurze siebzehn Jahre lang gesammelt hatten. Ich versuche zu lächeln, doch meine Augen füllen sich mit Tränen, und es wundert mich, dass mein Körper überhaupt noch Tränen übrig hat. Ich will ihm sagen, dass alles gut wird, dass wir es schaffen, doch es scheint, als wüsste meine Stimme, dass sie lügen würde. Seine Hände versuchen meine zu halten, doch sie waren schwach, so schwach, dass ihnen die Luft über ihnen schon beinahe zu schwer war. Trotzdem hält er so viel; meine Worte, Gedanken, Erinnerungen, meinen Schmerz, und seine Worte und Versprechen.

Doch ich sollte doch eigentlich ihn halten, mit allem was er ist, mit seinen Wünschen und Träumen. Seine Augen fallen zu und meine Finger machen sich selbstständig und suchen ihren Weg um seine Hand.
»Erinnerst du dich noch an die Nacht, in der wir das Auto deiner Eltern klauten?«, frage ich, während ich versuche die Tränen zurückzuhalten und die Schwäche, die jeder Taube hören konnte, zu verstecken.
»Du hattest gerade deinen Führerschein bekommen und die Schlüssel genommen.«

Ich drücke seine kalte Hand etwas fester. Wie oft habe ich diese Hände gehalten? Wie oft haben sie mir die Tränen aus dem Gesicht gewischt? Und wie oft hielten sie mich, wenn ich kurz davor war zu zerbrechen?

Vielleicht war das ununterbrochene Piepen der Geräte, das Atemgerät durch das man hören konnte, wie schwer ihm das Atmen fiel und die Flüssigkeit die sich langsam in seiner Luge absetzte, der Grund, warum ich reden musste. Vielleicht war es auch mein Unterbewusstsein, denn es wusste, ich hatte etwas versprochen.

»Wir waren das perfekte Team«, fahre ich fort, noch immer in Versuchung nicht zu weinen. »Der »Es tut uns leid, aber wir mussten dahin!« Zettel an der Tür...«
Ich muss leicht grinsen, doch jetzt brennen heiße Tränen in meinen Augen und suchen ihren Weg über meine Wangen bis zu meinem Kinn. Mein Bauch fühlt sich an, wie ein großes schwarzes Loch und ich weiß nicht, ob es jemals irgendwer füllen können würde. Wie soll ich existieren, ohne diesen Jungen an meiner Seite? Ohne den besten Menschen, den ich je getroffen habe? Ohne die einzige Person, die immer bei mir geblieben ist, wenn alles kaputtging?

»Aber das Konzert war es wert.«
Ich spüre eine weiche, kalte Hand auf meiner Wange, die vorsichtig meine Tränen aus dem Gesicht streicht und ich schlage meine Augen auf. Er zieht mich an sich und ich lege meinen Kopf auf die Brust meines besten Freundes. Es tut weh. Es tut so unglaublich weh. Mein Körper verkrampft sich doch ich muss mein Versprechen halten.
»Wir hatten die beste Nacht. Laute Musik, Feuerwerke und das Gefühl, dass man eigentlich nicht da sein durfte, doch es einem vollkommen egal ist.« Ich lächle schwach.
»Du hast mich auf deinen Schultern sitzen lassen, so dass ich perfekt sehen konnte, obwohl wir ganz in der letzten Reihe standen, weil deine Eltern nicht schlafen gegangen sind. Du hast mich die ganze Zeit getragen.«
Eine Träne tropft auf sein Shirt.
»Ich wollte dir noch sagen, dass es mir leidtut, dass ich weggelaufen bin, als du mir von deiner Krankheit erzählt hast. Ich wusste nicht, was ich sagen oder tun sollte. Ich war so sauer und gleichzeitig froh, dass du es mir endlich erzählt hast. Du hast mir immer gesagt, wie stark ich sei, obwohl du viel stärker warst und hast so viel mehr ausgehalten. Du meintest immer, mein Vater wäre schlimm, aber eigentlich war deine Krankheit viel schlimmer. Ich verstehe nicht, wie du uns beide halten konntest.«
Immer mehr Tränen laufen meine Wangen runter und fallen auf seinen Körper. Ich lächle, denn er riecht noch immer wie früher, obwohl der Geruch von Frühling sich mit der Leere und Schwere des Krankenhauses vermischt. Erneut schließe ich meine Augen. Ich spüre seinen Herzschlag an meiner Wange und weiß, dass er jede einzelne Sekunde immer langsamer und langsamer wird.

Als wir so daliegen, mit meinem Kopf auf seiner Brust und seinen Armen um meinen Körper, weiß ich, dass die nächsten Sekunden, egal wie viele es noch sein werden, viel zu schnell vorbeigehen werden.

Mit seiner rechten Hand deutet Evan auf die andere Seite des Raumes, auf einen Tisch. Ein Tisch voller Medikamente. Und eine Kiste. Eine Kiste, die ich nur zu gut kenne. Ich stehe langsam auf und hole sie, bevor ich mich wieder neben Evan setzte. Er sieht mich noch immer an. Auch wenn ich spüren kann, mit wie viel Schmerz er lebt, bin ich nicht sicher, ob mein Schmerz viel besser war. Er deutet auf die Box und gibt mir zu verstehen, dass ich sie öffnen soll. Doch ich starre nur in seine Augen, die noch immer die gleichen sind, noch immer grüne und hoffnungsvolle Augen, die niemals lügen konnten, aber viel verschweigen. Wie oft haben sie mich angesehen? Wie oft haben sie mich lächeln gesehen? Und wie oft traurig? Wie oft ängstlich? Wie oft hässlich? Und wie oft schön? Wie viele Male haben sie mich angesehen, als wäre ich der einzige Mensch auf dieser Welt? Wie oft haben sie mich sicher fühlen lassen? Und wie oft haben sie in meine gestarrt? Wie oft haben sie mich dumme Dinge tun sehen? Wie oft haben sie mich tanzen gesehen? Ich merke erst wie lange ich ihn angestarrt hatte, als Evans Augen wieder zufallen. Ich bemerke auch die Tränen nicht, die über meine Wangen laufen, bis meine Hände sich dazu entschließen sie wegzuwischen. Langsam öffne ich die Box, obwohl ich solche Angst davor habe. Aber ein Teil meiner Hände hatte beschlossen mutig zu sein.

von Anne Benkowitz

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