»Unangenehme Begegnungen« von Flora Kühn

»Spezielles Testobjekt SX108 in dem unteren Südostflügel, Spezialabteilung B3 ist zu Bewusstsein gekommen.«
Eine blecherne Stimme hallte durch einen Lautsprecher in den kahlen, heruntergekommenen Flur, welcher an zahlreichen leeren Zellen vorbeiführte. Irgendwo tropfte es aus einem undichten Rohr, es war zugig und der unterirdische Gang menschenleer.

Nur hinter einer der Gittertüren lag ein schlaffer, in weiße Leinen gehüllter Körper auf einer spärlichen Holzliege, im Brustbereich an einen dünnen grauen Schlauch gebunden, der nach etwa einem Meter in der Wand verschwand.

Langsam öffnete Yu die Augen, blinzelte benommen und versuchte sich aufzusetzen, fiel aber kurz darauf stöhnend und hustend vor Schmerz in die Liegeposition zurück, indem er mit einem unsanften Knall auf das improvisierte Holzbett fiel. »Arghh, Scheiße!« Er schloss die Augen um sich zu erneut zu sammeln, öffnete sie wieder und starrte auf die spinnenbehangene Betondecke über ihm. Erst nach einigen Sekunden konnte er wieder klar denken und verfiel augenblicklich in Panik.

Verdammt, wo bin ich hier? Warum tut mir alles weh? Was ist passiert? Erinnere dich Yu, erinnere dich!
Ich sollte doch Einkäufe erledigen, und dann waren da doch… Scheiße, da waren diese Typen, die mich angegriffen haben… der eine hat mir die Kehle mit einem riesigen Schwert aufgeschlitzt…

Automatisch fuhr seine Hand an den Hals, wobei er wieder Gelenkschmerzen hatte, jedoch verwundert feststellte, dass dort nichts mehr war.

Moment mal… Ich war doch tot?! Ich konnte mich ganz deutlich erinnern, wie mein Körper nachgegeben hat und meine Herzschlag nicht mehr zu spüren war… Sah so etwa der Ort nach dem Tod aus?

Erst jetzt kam er auf die Idee sich umzusehen. Nachdem er sich mühsam und mit quälenden Schmerzen aufgerichtet hatte, wanderte sein Blick von den kahlen, rissigen Wänden über die rostigen Ketten, die lose von ihnen hingen, bis hin zu dem Eisengitter, welches ihn von dem Flur und den anderen Räumen, die seinem identisch waren, trennten.

Eine Zelle? Was? Irgendwie habe ich mir den Himmel gemütlicher vorgestellt… Oder bin ich etwa in der Hölle gelandet und werde gleich von Satan höchstpersönlich verspeist?

Kopfschüttelnd verwarf er diesen dämlichen Gedanken wieder. Er war ganz offensichtlich noch am Leben. Seufzend lehnte er sich mit dem Kopf gegen die kalte Steinwand, schloss die Augen frustriert und ließ die Arme schlaff an den Seiten runterhängen.

Was mache ich hier nur? Wie lange bin ich überhaupt bewusstlos gewesen? Wer hat mich da angegriffen? Was habe ich verbrochen, dass man mich eingesperrt hat? War das alles überhaupt echt?

Fragen über Fragen türmten sich in seinem Kopf und mit jeder einzelnen wurde er verzweifelter. Die Schmerzen ließen langsam aber sicher nach, doch die Angst und Hoffnungslosigkeit wuchsen nur.

Plötzlich hörte Yu Schritte den unterirdischen Flur lang hallen, die sich zügig in seine Richtung bewegten, und spannte sich augenblicklich erschrocken an. Schnell glitt er wieder in die Liegeposition auf sein ungemütliches Bett zurück, drehte sich mit dem Rücken zur Gittertür und versuchte seinen hektischen Atem zu regulieren, um es so aussehen zu lassen, als würde er schlafen. Wer auch immer da kam, hatte gewiss nichts Gutes im Sinn, wenn er gewöhnliche, unschuldige Leute wie ihn tödlich verletzte und einsperrte.

Als die Schritte ganz nahe klangen und abrupt stoppten, schlug ihm das Herz bis zum Hals und er kniff nervös die Augen zusammen, wartend, dass etwas passierte.

»Man hat mir gesagt, dass hier unten eine Überraschung auf mich wartet.«, eine schneidend bittere, männliche Stimme ertönte direkt aus der Richtung des Flures und Yu zuckte heftig zusammen, zwang sich aber dennoch dazu, den Gegner zu ignorieren, vielleicht war er ja gar nicht gemeint.

Hoffentlich.

von Flora Kühn

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